Theater

Verwirrte Piraten

Die Piratenpartei ist immer gut für kulturpolitische Initiativen jenseits der Zurechnungsfähigkeit. In Berlin machte sich die Piraten-Fraktion im ­Ab­ge­ordnetenhaus vor einiger Zeit mit dem Vorschlag lächerlich, einfach mal eine Oper zu schließen. Piraten neigen offenbar dazu, die eigene ­Ignoranz zum Maßstab zu nehmen. Eine ähnlich unangenehme Mischung aus Ahnungslosigkeit und Profilierungsbedürfnis legt jetzt die Piraten-Lautsprecherin Tina Lorenz an den Tag.

Im dröhnenden Kumpeltonfall („Ihr seid Bollwerke, ey!“) attestiert sie den Theatern ganz allgemein, „auf lange Sicht nicht zukunftsfähig“ zu sein. Das schließt sie ­messerscharf aus der Tatsache, dass Theater „große Türen, schwere Türen“ haben. Frau Lorenz rät den Theatern, sich am „Springbrunnen“ und am „Stadtpark“ ein Vorbild zu nehmen, die seien nämlich „zugänglich“ und damit Orte von „Freiheit, Teilhabe, Diskurs“. Möglicherweise verwechselt sie das Plätschern eines Springbrunnens mit einem „Diskurs“, weil sie das Theater schlicht überfordert, was nicht notwendig am Theater liegen muss. Die arme Piratin fühlt sich sehr einsam in der großen, komplizierten Welt des Theaters: „Wenn ich mich mal in dieses imposante Gebäude wage, muss ich mich krampfhaft an alkoholischen Getränken festhalten, weil ich plötzlich schlagartig niemanden mehr kenne.“ Ach Gottchen, die Arme.

Hier spricht das alte, dumme Ressentiment gegen die Hochkultur, das dem Theater vorwirft, dass es Theater ist und kein WG-Sofa. Aber Frau Lorenz hat auch wagemutige Änderungsvorschläge: Damit sie sich im Theater nicht so überfordert fühlt, soll sich das Theater in ein Internet-Angebot verwandeln, was Frau Lorenz mit aufgeregtem Wortgeklimper so umschreibt: „Ein Theater, das sich als Router begreift, fördert den Datentransport (also Gedanken) zwischen Netzwerken (also Benutzergruppen). ­Es streamt, es zeichnet auf, es drängt in die neuen Medien und verortet sich selber in diesem wachsenden Netzwerk.“ Alles klar?

Das ist in der ganzen selbstgewissen Ahnungslosig­keit ziemlich lustig. Erstens, weil viele Theater längst zu Werbezwecken kleine Szenen ins Netz stellen. Zweitens, weil Theaterstreams im Netz auch nichts anderes sind als Theaterübertragungen im Fernsehen. Und drittens, weil das Schöne am Theater ist, dass es eben kein Internet-Gimmick ist.

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