Theater

Viktor Ullmanns „Der Kaiser von Atlantis“

Als Viktor Ullmann 1944 im Konzentrationslager Theresienstadt seine Oper „Der Kaiser von Atlantis“ probte, dürfte er geahnt haben, dass die Parabel über den bösen Herrscher Overall, der den Tod abschafft, als blutige Hitler-Satire auffliegen könnte. Sie tat es. Zu einer Vorstellung im Lager kam es nicht. Ullmann ebenso wie sein Librettist Peter Kien starben kurz darauf in Auschwitz. Erst in den 80er Jahren, unter anderem durch eine Inszenierung von George Tabori, konnte man hören und erleben, dass der in letzter Sekunde verbotene Einakter ein Meisterwerk voll grotesker Tänze, knackiger und aufrührerischer Rhythmen und Ruckweisen ist. Jede Aufführung wert!

Tabori hatte damals die Lager-Situation nachgebildet. Die Staatsoper verzichtet jetzt bei der Neu-Inszenierung In der Werkstatt des Schiller-Theaters klüglich darauf. In poliertem Parabelstil, weißgeschminkt, voll stilisiertem Post-Brecht-Chic, postulieren fünf Darsteller die „Utopie Tod“. Dass die abhanden gekommene Hoffnung auf ein Ableben das Schlimmste ist, was einem widerfahren kann: Darum kreist die todeslustige Harlekinade. „Tausende ringen mit dem Leben, um sterben zu können“, heißt es.

Regisseurin Mascha Pörzgen setzt (zu) stark auf Optik. Die graue Luken-Front, haushoch, fährt bedrohlich auf die Zuschauer vor der Guckkastenbühne zu. Die Darsteller fechten mit Papp-Röhren. Zinn-Mädchen, Samurai und Blechtrommlerin kokettieren mit überzeitlichen Märchenfacetten (Ausstattung: Cordelia Matthes). Hätte man mehr auf Textverständlichkeit geachtet, würde man der Handlung ohne Vorbildung besser folgen können.
Musikalisch ist das exzellent gearbeitet. Felix Krieger dirigiert die kleine Staatskapellen-Kombo so beziehungsreich, dass sämtliche Weill-, Schönberg- und Hindemith-Anklänge akkurat ins Ohr stechen. Der röhrige „Lautspre­cher“ (Alin Anca), ein wohllautender Bösewicht (Gyula Orendt als Kaiser Overvall), Soldaten und vokale Trommler sind sängerisch ausgezeichnet besetzt – besser als man das an diesem Ort bisher gewohnt war.
So bleibt der Eindruck eines großartigen Komponisten, der durch die ewige Zurechnung zur „Entarteten Musik“ doppelt diskriminiert wurde: erst durch die Deportation und anschließende Ermordung. Und dann durch die Tatsache, dass seine Musik auch nach dem Krieg immer nur im Zusammenhang mit verfolgten und ermordeten Komponisten gesehen wird. Ähnlich wie Hans Krasa, Pavel Haas und Erwin Schulhoff wird auch Ullmann, der wohl Wichtigste von ihnen, als Vertreter eines Stigmas aufgeführt. Hier endlich mal nicht!
 
Text: Kai Luehrs-Kaiser
tip-Bewertung: Sehenswert
Der Kaiser von Atlantis
Werkstatt der Staatsoper im Schiller-Theater,
Karten-Tel. 20 35 45 55

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