Theater

Volker Ludwig über „Pünktchen trifft Anton“

Volker-Ludwigtip: Herr Ludwig, all Ihre Stücke, von „Linie 1“ bis „Baden gehn“, sind Originalstoffe. Jetzt haben Sie einen Klassiker der Kinderliteratur bearbeitet, Erich Kästners Roman „Pünktchen und Anton“ von 1931. Warum das?

Volker Ludwig:?Der neue künstlerische Leiter des Grips Theaters hat so lange darum gekämpft, bis ich Ja gesagt habe. Aber das ist nicht der einzige Grund. Ich habe schon ein besonderes Verhältnis zu Erich Kästner. Er ist in den 20er-Jahren der erste realistische Kinderbuchautor, das hat mir immer imponiert. Im Vorwort zu „Emil und die Detektive“ unterhält sich der Autor in der Kneipe mit einem Kellner, Herr Nietenführ. Der erzählt ihm, dass Kinder auf realistische Geschichten viel neugieriger und toller reagieren als auf die üblichen Märchen. Dieses Vorwort habe ich mir sehr zu Herzen genommen. Von Kästner konnte man lernen, dass für Kinder die Wirklichkeit in der Stadt spannender ist als das  erfundene Zeug von irgendwelchen Märchen-Onkels. Darin gibt es sicher eine Verwandtschaft zum Grips Theater.

tip: Kästner hat, ohne es zu ahnen, die Ästhetik Ihres Theaters formuliert?

Ludwig: Das ist so. Aber wenn man Kästners Bücher auf die Bühne bringen wollte, gab es immer ein Problem mit den Erben. Man durfte, zum Beispiel bei „Pünktchen und Anton“, nur Kästners eigene Theaterfassungen spielen. Beim Film waren die Erben nicht so streng, vielleicht auch, weil der Film besser zahlt als das Theater.

tip: Wie haben Sie es geschafft, dass die Erben Ihnen erlauben, eine eigene Bühnen­adaption zu schreiben?

Ludwig: Laut Verlag meinten die Kästner-Erben, ich sei der legitime künstlerische Nachfolger Erich Kästners und sie würden sich freuen, wenn ich eine neue Fassung schreibe. Da­raufhin konnte ich dann natürlich nicht mehr Nein sagen.

tip: Haben Sie als Kind selber Erich Kästners Kinderbücher gelesen?

Ludwig: Ja. „Emil und die Detektive“ hat in mir den Wunsch geweckt, unbedingt in Berlin zu leben. Seit ich das Buch als Kind gelesen habe, war Berlin mein heimlicher Sehnsuchtsort. Unsere Familie hat erst in Thüringen, dann in Hamburg gelebt, erst als ich 15 war, sind wir endlich nach Berlin gezogen. Mein Vater war Kabarett-Autor, da war Berlin interessanter als Hamburg. Heute wohne ich direkt am Nikolsburger Platz. Da war das Lager von Emils Detektiven, das ist genau der Ort, an dem Kästners Roman spielt. Als Schüler habe ich angefangen, Gedichte im Kästner-Stil zu schreiben, ich habe ihn unendlich nachgemacht.

tip: War Kästner für Sie als Autor das erste Vorbild?                    

Ludwig: Das kann man so sagen. Ich wollte schon sehr früh selber schreiben, so mit 13, 14, und da war Kästner sehr präsent.

tip: Verbindet die Autoren Kästner und Volker Ludwig neben der genauen Zeitbeobachtung auch eine gewisse Menschenfreundlichkeit, ein Moment von Optimismus?

Ludwig: Ja, wahrscheinlich. Was ich an Kästners Kinderbüchern nicht mochte, sind die moralischen Weisheiten, die immer zwischen den Kapiteln gereicht werden. Die finde ich ziemlich überflüssig.

tip: Versetzen Sie in Ihrer Bearbeitung „Pünktchen und Anton“ in die Berliner Gegenwart?

Ludwig: Ja. Anton ist jetzt ein Illegaler, ein Asylantenkind, das ohne Papiere und Aufenthaltserlaubnis in Berlin lebt. Er muss Angst vor der Abschiebung haben, seine Mutter ist krank, er hat kein Geld und sammelt Pfandflaschen. In den 30er-Jahren hat Kästners Anton auf der Straße Schnürsenkel verkauft, um irgendwie Geld zu verdienen, das war ein ähnlicher Job wie heute das Flaschensammeln. Das Mädchen Pünktchen hat reiche Eltern, bei mir ist der Vater in der Immobilienbranche. Die Mutter ist eine Charity-Lady, die sich die Zeit auf Wohltätigkeits-Veranstaltungen mit irgendwelchen Promis vertreibt und keine Zeit für ihre Tochter hat. Die Tochter Pünktchen ist ein bisschen wohlstandsverwahrlost und altklug.

tip: Wenn die beiden Kinder sich anfreunden, werden die Grenzen zwischen reich und arm mal kurz durchbrochen?

Ludwig: Ja, aber diese Grenzen gibt es ja nach wie vor. Es ist auch ein Stück darüber, dass der Gap immer größer wird zwischen reich und arm. Das fängt in der Schule an. Im Programmheft zitieren wir einen Satz von Erich Kästner: „Wenn die Menschen, denen es gut geht, den anderen, denen es schlecht geht, nicht aus freien Stücken helfen wollen, wird es noch mal ein schlimmes Ende nehmen.“ Im Stück sagt Pünktchen, wenn sie viel Geld hätte, würde sie die Hälfte immer allen anderen abgeben. Da bekommt sie zur Antwort: Das sagen alle Kinder. Aber wenn sie erwachsen sind, haben sie das alle wieder vergessen.

Interview: Peter Laudenbach

Foto Szene: David Baltzer / Bildbuehne.de

Pünktchen trifft Anton Grips Theater, Sa 26.?+?So 27.11, Fr 16.12., 16 Uhr, Karten-Tel. 39 74 74 77, Karten-Tel. Schulvorstellungen: 397 47 40

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