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„Völker schaut auf diese Stadt“ im Maxim Gorki Theater

voelker_schaut_auf_diese_stadtDer Höhepunkt des Abends gehört dem Flugrouten-Revoluzzer Leander Haußmann. „Am Wannsee gab es die Wannsee-Konferenz“ plaudert die Widerstandsikone gegen die Müggelsee-Beschallung munter in die Kamera. Aber hier bei ihnen, am Müggelsee, sei ein wahrer Dichterort; hier habe Gerhart Hauptmann sein Stück „Einsame Menschen“ geschrieben. Dann verschwindet das kämpferische Haußmann-Konterfei wieder von der Leinwand, und Rainald Grebe gräbt in seinem zugemüllten konspirativen Bastelkeller (Bühne: Janna Skroblin) im Gorki-Theater weitere bahnbrechende Stimmen zur Tagespolitik aus.

Sagen wir mal so: „Völker schaut auf diese Stadt“, Grebes Abend zur Berlin-Wahl, befindet sich nicht nur im Haußmann-Video vollständig auf Augenhöhe mit seinem Sujet. Er bildet die Inhaltsleere des Wahlkampfes eins zu eins ab. Eine konsequente Angelegenheit also, zu der natürlich auch zwingend gehört, dass Grebe kaum singt, sondern sich ganz auf die Mittel des  Recherche- und Trash-Theaters verlässt. So verliest der Schauspieler Wilhelm Eilers mit gebotenem Ankunftspathos eine Passage aus Klaus Wowereits Autobiografie „… und das ist auch gut so“, in der der Regierende Bürgermeister beim Landeanflug auf Tegel mit lyrischem Vokabelaufkommen über seine Stadt sinniert. Sabine Waibel groovt sich als Renate Künast schon mal voreilig in die Nachfolgerinnen-Rolle ein. Und der Puppenspieler Hans Krüger schickt eine überlebensgroße, abgemagerte Puppe auf eine sehr lustige Werbetour für „die neue FDP“.

Nicht, dass man an diesem Abend mit dem adäquaten Untertitel „Berlin wählt, und Rainald Grebe kann sich nicht entscheiden“ irgend etwas grundsätzlich Neues erführe. Aber aus den Interviews, die Grebe und der Journalist Lucas Vogelsang mit potenziellen Nichtwählern am Stammtisch, mit Politikern und anderen Wahlkampf-Profis geführt haben, fallen neben allerlei Vorhersehbarem auch ungemein aufschlussreiche Details ab. Und genau in diesen scharf beobachteten Einzelheiten liegt die Stärke des Abends: Großartig etwa, wenn zwei Spindoktoren aus den Werbeagenturen der SPD und der Grünen in einem reinszenierten Interview hinter Schattenwänden beiläufig ausplaudern, worin ihr Berufsehrgeiz liegt. Dafür gilt es an diesem reichlich zweistündigen Abend allerdings einige Durststrecken zu überbrücken. Andererseits: Verglichen mit der Dramatik des Berliner Wahlkampfs hat der Gorki-Abend fast Thriller-Qualitäten.

Text: Christine Wahl

tip-Bewertung: Zwiespältig

Völker schaut auf diese Stadt Maxim Gorki Theater, 18.9., 19.30 Uhr, Karten-Tel. 20 22 11 15

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