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Volksbühne: mit Castorf und Gotscheff in die neue Spielzeit – Teil 2

Die_ChinesinEin anderer Fall ist Gotscheffs Godard-Exegese. „La Chinoise“ ist ein seltsamer Film: Sprösslinge der Bourgeoisie spielen in einer schicken Pariser Wohnung Maoismus. Jean-Pierre Lйaud schlurft im Schlafanzug durchs Bild und liest martialische Parolen aus der Mao-Bibel vor. Godard nimmt die Revolu­tionsfolklore der folgenden Jahre voraus, er feiert und parodiert sie gleichzeitig. Und er  macht mit dem Kino das, was seine kleinen Revolutionseleven am liebsten mit dem Kapitalismus machen würden: Er nimmt es auseinander bis nichts mehr davon übrig bleibt. Und aus den Trümmern konstruiert er dann sein Anti-Kino.
Godard benutzt die filmischen Zeichen, Schauspieler, Text, Musik, eingeblendete Schrifttafeln nicht, um mit ihrer Hilfe eine Geschichte zu erzählen. Er benutzt seine Geschichte, um über die Zeichen des Films nachzudenken: Kino als zeichentheoretischer Essay. Und weil die Zeichen am Ende nichts mehr sagen und zum sinnlosen Selbstzweck werden, ist es nur ehrlich, wenn es gleich zu Beginn des Films heißt: „Das Wort ist etwas, das schweigt.“ Bei „La Chinoise“ ist das Spiel mit den Zeichen besonders lustig. Schließlich verheddern sich die verstrahlten Linksradikalen dauernd in grotesk überhöhten, ihrer Wirklichkeit gänzlich inadäquaten Zeichen, von roten Fahnen bis zu Mao-Zitaten. Wenn irgendwo das Zeichen komplett selbstreferentiell geworden ist, dann in diesem Revolutions-Karneval.

Gotscheff erzählt den Plot des Films nicht einfach nach, sondern versucht, Godards Spiel mit den Zeichen und seine Sabotage aller konventionellen, zu Identifikation einladenden Erzählstrategien im Theater fortzusetzen. Ein theatralisches Selbstmordattentat: Radikal in der Konstruktion, aber arg zäh in der Ausführung. Weil in Godards Film jemand darüber nachdenkt, nur noch die Farben rot, gelb und blau „in ihrer perfekten Reinheit“ zu verwenden, spannt der Bühnenbildner Mark Lammert auf der leeren Bühne einfach gelbe und rote Seide auf halbhohe, sich teilweise drehende Metallkonstruktionen. Gegen Ende weht dann eine riesige blaue Seidenfahne vom Bühnenhimmel. Hübscher Effekt.

Genau so abstrakt ist der ganze Abend, der seine Textsplitter nicht nur aus „La Chinoise“, sondern aus allen möglichen Godard-Filmen bezieht. Zu Beginn irrt Wolfram Koch durch das Labyrinth der gelben Seidenwände und spricht leise und verstört mit sich selbst: „Bombe … Terror … wo ist der Ausgang …“ Es ist die stärkste Szene des Abends. Den Ausgang, den Koch sucht, findet die Inszenierung nicht, im Gegenteil. Die Figuren arbeiten sich wie autistische Clowns durch ihre Monologe und Gedankenlabyrinthe. Ein bürgerlicher Intellektueller im feinen Leinenanzug ­(Sebastian Blomberg) doziert aus Brechts Theorie des Verfremdungseffektes und wirkt dabei schwer melancholisch. Es muss sich um einen depressiven Theaterwissenschaftler handeln. Dass Dummheit auch nicht glücklicher macht, führt Max Hopp vor, wenn er an die Rampe marschiert und seine sinnfreien Revolutionsparolen zum besten gibt, eine Schauspielerdampfmaschine. Anne Ratte-Polle müht sich durch verquirlt Pseudotiefsinniges („Bin ich eigentlich in der Lage, in der Gegenwart zu leben?“), Marie-Lou Sellem referiert unglaublich gelangweilt und schön desinteressiert pornografische Passagen aus Godard-Filmen („er leckte meinen Arsch, das war nicht unangenehm, es war sogar gran­dios“) und Frank Büttner singt schön weltverloren einen Schlager. Ein schwerer Fall von Kopfweh-Theater.

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Text: Peter Laudenbach

Fotos: Thomas Aurin

Termine: Nach Moskau! Nach Moskau!
Volksbühne, 8., 9.10., 19.30 Uhr

Termine: Die Chinesin
Volksbühne, 10., 16., 20.10., 19.30 U

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