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Volksbühne: mit Castorf und Gotscheff in die neue Spielzeit

Nach_MoskauSchwere Fälle von Regietheatergewaltakten zum Saisonauftakt an der Volksbühne. Nach Stationen in Moskau und Wien kommt Frank Castorfs Tschechow-Inszenierung „Nach Moskau! Nach Moskau!“ jetzt nach Berlin – eine viereinhalbstündige Collage des Seufz- und Wehmuts-Klassikers „Drei Schwestern“ mit der gänzlich wehmut- und kitschfreien Erzählung „Die Bauern“. Deutlich kürzer, aber auch sehr viel zäher ist die zweite ­Premiere: Dimiter Gotscheff hat Jean-Luc Godards Film „La Chinoise“ („Die Chinesin“) von 1967 für die Bühne adaptiert, das ganze prätentiös eine „Übermalung“ genannt und dabei bewiesen, dass er mindestens genau so wenig Rücksicht auf sein Publikum nimmt wie Godard.

In Godards Film spielen Pariser Bürgerkinder ein bisschen Revolution – eine Farce und ein bösartig-lustiges Zeitdokument aus Zeiten, in denen die Mao-Bibel Pop war. Gotscheff müht sich unter anstrengenden Verrenkungen in den Revolutionsspielereien der 67er, die Tragödie zu entdecken. Er will ganz große Kunst machen und verheddert sich dabei in steilen, sterilen, nicht gedeckten Form-Behauptungen. Castorf macht genau das Gegenteil. Er inszeniert Tschechow als Vaudeville, als lässig hysteriesiertes, garantiert nicht von Seelenergießungen versüßtes   Haudrauf-Theater. Der Volksbühnen-Chef macht also das, was er am besten kann: Gutes schlechtes Theater, wobei, weil wir bei Tschechow sind, natürlich immer auch die Polemik gegen die parfümierte Sensibilitäten der Weichzeichner-Empfindsamkeits-Nostalgie-Tschechow-Inszenierungen mit weißen Leinenanzügen und Samowar mitläuft. Das ist nicht ganz so toll wie Castorfs große Inszenierungen, aber wesentlich kraftvoller, lustiger, lebendiger als alles, was er in den vergangenen Spielzeiten verbrochen hat. Der beste Castorf seit Jahren.

Tschechows Geschichten vom verplauderten Provinzadel („Drei Schwestern“) und der Verwahrlosung, dem Schmutz, der Wodka-Stumpfheit der Muschiks („Die Bauern“) sind ein hartes Kontrastprogramm. Die Montage der beiden Stoffe ist relativ simpel: Auf der rechten Bühnenhälfte (Bühne: Bert Neumann) markiert ein Holzpodest die Villa, den Salon der drei Schwestern, die sich aus der Langeweile der Provinz, des im Stillstand erstarrten Lebens, der Ehe-Tristesse oder des nervenfressenden Berufs in ein imaginäres Kinderglück-Moskau sehnen. Und natürlich nicht rauskommen aus ihrem Kokon. Auf der linken Bühnenhälfte steht das grobe Holzgerüst eines Hauses, die Hütte der Dorf-Muschiks.
Die Idee, das gepflegte Leiden der reichen Schwestern mit der Brutalität des Elends der Bauern zu kontrastieren, geht nicht auf: Beides läuft so nebeneinander her, dass keine gegenseitigen Brechungen entstehen. In den „Drei Schwestern“-Partien herrscht die umwerfende Kathrin Angerer als Familien-Diktatorin und stumpfe Gattin des Bruders (lustiger Depressiver im Schlafanzug: Trystan Pütter) über den Hausstand der drei unglücklichen Schwestern mit den zarten Seelen (Silvia Rieger, Jeanette Spassova, Maria ­Kwiatkowsky). Sir Henry gibt die Karikatur eines steifen Engländers. Lars Rudolph raunzt den Offizier Tusenbach. Der tolle Milan ­Peschel ist vermutlich der verdrehteste Oberstleutnant Werschinin der Theatergeschichte. Bernhard Schütz macht aus dem melancholischen Tschebutkin einen böse grinsenden Zyniker und Vollkaracho-Komiker. Ein schauspielerisches Großereignis ist Margarita Breitkreiz, die in den „Bauern“ die im dumpfen Dorfelend gestrandete Moskauerin Olga spielt, als wäre sie direkt aus einem expressionistischen Stummfilm hier gelandet: Eine Extremschauspielerin wie in besten Volksbühnen-Zeiten. Wenn die Party gegen Mitternacht vorbei ist, hat man zwar nicht unbedigt neues über Tschechow erfahren, dafür stellt sich wieder das sanfte Schwindelgefühl ein, die Mischung aus Überforderung, leichter Euphorie und dem verwirrenen Nachhall der Szenen, mit dem man früher immer aus den Castorf-Nächten rausgetaumelt ist. Der Koma-Patient Volksbühne ist eindeutig auf dem Wege der Besserung und zuckt schon wieder recht vital. Zumindest an diesem Abend.   

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