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„Von einem der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte“ an der Volksbühne ?

Ich weiß schon, warum ich euch nicht hasse, Pop-Theater dieser Stadt. Aber manchmal wird einem das routiniert geistreiche Spiel mit der Ironie, dem es prinzipiell um nichts anderes geht als darum, seine schlauen Pirouetten vor­zuführen, doch etwas öde. Die subversiv gemeinte Geste, die allen Authentizismen und unmittelbaren Aussagen misstraut, macht es sich in der Selbstreferenz eines subventionsgeldgepolsterten Radical Chic gemütlich. Renй Pollesch weiß, wie das geht. Und weil er das so lustig und lässig mit tollen Schauspielern vorturnt, amüsiert man sich natürlich trotzdem, wenn er mal wieder Monty-Python-Dialoge mit Parolen seiner Lieblingstheoretiker (derzeit besonders beliebt: die US-Biologin Donna Haraway) sampelt.
Es wirkt wie ein Crossmarketing-Coolness-Signal, dass sich Pollesch für seine neue Volksbühnen-Produktion mit Dirk von ­Lowtzow, dem Gitarristen und Sänger von Toco­tronic, zusammengetan hat. Man profitiert von der Zielgruppe wie auch vom symbolischen Kapital des anderen, das kann ja nicht schaden. Erst recht nicht, wenn das eigene Geschäftsmodell langsam in die Jahre kommt und auch die Oberstufe der Hamburger Schule zu spüren bekommt, dass das Geld in der Musik­industrie nicht mehr so fließt wie früher. Der aufgeräumte Sympath Dirk von Lowtzow hat das auch ganz entspannt im Vorfeld der Premiere reflektiert: „Popmusik wird, wenn sie einen gewissen Anspruch erfüllt, immer stärker in eine Nische gedrängt. Das Theater ist hier deutlich weniger durchökonomisiert. Als Musiker gewinnt man da vielleicht auf eine paradoxe Art wieder Freiheit.“ Mit anderen Worten: Auch der Indie-Pop hätte gerne seinen Teil vom Theater-Subventionskuchen – warum auch nicht.
Leider ist die Musik, die er zum gemeinsamen, stolz als „Oper“ gekennzeichneten Werk beiträgt, dann nur bombastischer Trivial-Süßstoff, den das Filmorchester Babelsberg gekonnt weichspült. Zumindest das grandiose Glamour-Bühnenbild von Bert Neumann löst das Versprechen einer Oper der besonderen Art ein. Bühnenhohe Glitzervorhänge schmücken den Rundhorizont, in den glänzenden Bühnenboden ist ein flaches Wasserbassin eingelassen, darüber schwebt ein großer Holz-Wal, genauer: ein Orca mit aufgerissenem Maul, durch das Lilith Stangenberg, Martin Wuttke und Franz Beil gerne in sein Inneres klettern. Anders als der Titel der Show verspricht („Von einem der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte“) geht es nicht um die gute alte Gentrifizierung, sondern um die guten alten Subjekte mit und ohne Paarbeziehungen, um die Selbstwahrnehmung in der Wahrnehmung des anderen, um die „öden Mechanismen der Repräsentation“ – und um den Neid auf die Amöben, die diese Probleme nicht haben und von ihrer Unsterblichkeit überzeugt sind. Das schönste Lied des Abends singt Lilith Stangenberg: „Ich hab noch einen Schluck genommen und dafür Zustimmung bekommen.“    

Text: Peter Laudenbach

Foto:
LSD | Lenore Blievernicht

Adresse + Termine:
Volksbühne, ?Karten-Tel. 24 06 57 77  

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