Theater

Wagner-Würstchen

Der Bildungsbürger ist zurück! Leider nur in einer peinlichen Slapstickvariante. Diese komische Figur gibt ziemlich lautstark damit an, dass er’s echt draufhat. Er macht aus seinen Bildungserlebnissen ein Distinktionsspiel, einen großkotzig ausgetragenen Überbietungswettbewerb. Schon als Kind sei ihm „der exzessive Konsum von Kultur bereits zur zweiten Natur geworden“, tönt er. „Wenn ich etwa Schiller las, dann las ich die komplette Gesamtausgabe vom ersten bis zum letzten Band, alles, was irgendwie veröffentlicht war, selbst seine unbedeutendsten Übersetzungen“, lässt er die Welt wissen. Der Angeber hat auch nicht einfach seine Liebe zu Wagner entdeckt, nein, er stilisiert die Lektüre der Wagner-Memoiren zum identitätsstiftenden Moment, dass es eine Art hat:

„Zu meinem zwölften Geburtstag schenkte mir meine Mutter die sehr wertvolle Erstausgabe von Wagners Autobiografie, die ich mit großer Begeisterung las.“ Sapperlot! Ein Buch zu lesen, reicht nicht, es muss schon die „sehr wertvolle Erstausgabe“ sein. Er geht auch nicht wie unsereins in Opernaufführungen, er muss unbedingt erzählen, dass seine Eltern ihn als Kind für ein paar Tage nach New York mitgenommen haben, weil da eine „Ring“-Inszenierung in der Met lief. Natürlich erst, nachdem er das Libretto gelesen hatte. Überhaupt ist er mit der Oper intim: „Tatsächlich wirkt auf mich noch heute kaum etwas so erotisierend wie die wogende Brust eines hochdramatischen Soprans.“ Wahnsinn!

Nachdem das Distinktionsgroßmaul so klargemacht hat, dass die Liebe zur Oper Angebern wie ihm gehört, muss er natürlich auch noch kurz die „Penner“ beschimpfen, die das anders sehen, all diese „ungebildeten, ungepflegten Chaos-Regisseure, die man zurzeit so oft auf Wagner loslässt“. Es ist schon schlimm mit diesen ungewaschenen modernen Regisseuren. Dem Angeber wird Kultur zum schamlos vorgeführten Mittel der Selbstinszenierung. Er protzt mit seinen Bildungserlebnissen wie der Zuhälter mit seinen Goldkettchen und der Gangsterrapper mit Bling und der Porsche-Sammlung. Er ist nichts als ein ordinärer Upperclass-Proll. Der Mann, der all diesen Dünkelquatsch von sich gibt, ist übrigens der Filmregisseur Florian Henckel von Donnersmarck. Die Einblicke in seine lustige Selbstinszenierung verdanken wir dem „FAZ“-Feuilleton, das wir so gerne lesen, weil es immer für einen Lacher gut ist.

Mehr über Cookies erfahren