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„Warten auf Godot“ am ?Deutschen Theater

tip „Warten auf Godot“ war die letzte Inszenierung, die Dimiter Gotscheff und Sie gemeinsam vorbereitet haben. Was hat den vor einem Jahr verstorbenen Gotscheff und Sie in der ersten Annäherung an Becketts Stück interessiert?
Mark Lammert Wir wollten etwas zu Ende bekommen, was mit unsrer Aufführung der „Perser“ begonnen hat, vor acht Jahren. „Godot“ war übrigens in der Spielzeitvorschau des Deutschen Theaters für die Kammerspiele avisiert. Uns ging es darum, das auf die große Bühne zu bekommen, einfach wegen dem Rang des Stückes.

tip Mit den „Persern“ des Aischylos, die Tragödie des besiegten Feindes, beginnt vor zweieinhalbtausend Jahren das europäische Theater. Becketts „Godot“ ist ein  Endpunkt des modernen Theaters. Was ist für Sie die Verbindung zwischen den beiden Stücken?  
Mark Lammert „Perser“ und „Godot“ sind Jahrtausendstücke, das sind Außenposten. Die Konstellation der Sprachblöcke ist fast körperlich zu spüren und dicht miteinander verbunden. Weil sie so menschlich sind, tragen beide Texte auch eine großzügige Heiterkeit im Schrecken mit sich. Und: Man wird damit nicht fertig. Diese Texte lassen einen nicht los. Das lässt sich mit einem bekannten Satz beschreiben: „Abbilder kann man zerstören, Urbilder nicht.“ Auch das steckt drin: „Jede Skulptur bringt ihren eigenen Raum mit.“ Jeder Text auch.

tip Haben Sie sich mit Gotscheff über Ihr Bühnenbild ausgetauscht?
Mark Lammert Der Raum war eine Setzung, das war klar. Das war immer so, darüber haben wir so gut wie nicht gesprochen. Dann erhielt ich gelegentlich eine SMS von Gotscheff. Eine geht so: „Der unsichtbare tunnel und das auftauchen und verschwinden von gruenzeug. Es raschelt hoffnung, sehnsucht. das ganze finster kriminell …“ Fünf Minuten später eine andere: „4 oder 140 figuren in dunkel“. Was ich schön fand bei den Proben: dass wir alle eigentlich nie oder wenig über Dimiter Gotscheff gesprochen haben – das war gar nicht nötig.

tip Jetzt hat Ivan Panteleev „Godot“ inszeniert. Die Inszenierung ist Dimiter Gotscheff gewidmet. Die Schauspieler Samuel Finzi und Wolfram Koch, Panteleev und Sie selbst haben oft und eng mit Gotscheff zusammengearbeitet. Ist „Godot“ so etwas wie eine letzte Inszenierung von und für Gotscheff?
Mark Lammert Für Mitko absolut, ja. Der Raum hat seine Spielregel, er regelt das Spiel. Der Text regelt zu hundert Prozent den Verkehr, die Begegnung. Das Diesseits aber verlangt das Körperliche der Sprache, das Körperliche und die Sprache – das geht nur von hier und jetzt.

tip Die Uraufführung von „Godot“ muss 1953 ein Schock gewesen sein – ein Theaterstück ohne so etwas wie Handlungsspannung oder irgendwelche Sinnangebote. Ist dieses Stück noch oder wieder ein Fremdkörper in einer aufgeregt eventsüchtigen Theaterlandschaft?
Mark Lammert Das Tolle ist doch schlicht, dass wir das machen durften. Und dass einem das so überraschend und unwahrscheinlich vorkommt, sagt ja auch schon etwas. Beckett hat sich intensiv mit Malerei beschäftigt. „Warten auf Godot“ wird oft mit dem nachhaltigen Eindruck in Verbindung gebracht, den ein Bild von Caspar David Friedrich auf ihn gemacht hat, das Bild zeigt „Zwei Männer den Mond betrachtend“. Beckett selbst sagt, dass dieses Gemälde einer der Ausgangspunkte für „Godot“ war. „Zwei in Mäntel gehüllte Jünglinge“, schreibt Peter von Cornelius über einen Atelierbesuch bei Caspar David Friedrich 1820, „sehen begeistert, sich umschlungen haltend, hinaus in die Mondlandschaft. ,Die machen demagogische Umtriebe‘, sagt Friedrich ironisch, wie zur Erklärung.“

tip Heiner Müller, für den Sie 1993 Ihr erstes Bühnenbild gemacht haben, nannte Beckett den „Pillenknick der Dramatik“. War Becketts Theater, das alle politische Ideologie hinter sich gelassen hat, für Heiner Müller fremd und etwas unheimlich?
Mark Lammert Ideologie hat Becketts Theater bestimmt verlassen, aber das Politische? Da wäre ich mal ganz vorsichtig.
Das mit dem Pillenknick hat Heiner Müller 1995 gesagt. Als wir 1993 Brechts „Fatzer“ gemacht haben, war das 40 Jahre nach der „Godot“-Uraufführung. „Godot“ stand auf der To-do-Liste von Heiner Müller. Er hatte 1995 den Plan, das Stück zu inszenieren, nicht sofort, aber bald. Den Plan, „Godot“ zu inszenieren, hatte auch Brecht.

tip 1953 konnte man „Godot“ nicht sehen, ohne an den Krieg zu denken. „Nach dem Zweiten Krieg ist alles, auch die auferstandene Kultur, zerstört, ohne es zu wissen; die Menschheit vegetiert kriechend fort nach Vorgängen, welche eigentlich auch die Überlebenden nicht überleben können“, schreibt Adorno über Beckett. Welche Assoziationsräume eröffnet das Stück heute?
Mark Lammert Viele, immer neue. Es ist ja nicht so, dass an Verwüstungen Mangel herrscht.

tip Hat Sie die von Pierre Temkine mit guten Argumenten entwickelte Lesart interessiert, die beiden Landstreicher Wladimir und Estragon, die in dem Stück vergeblich auf Godot warten, seien Juden auf der Flucht im besetzten Frankreich? Oder ähneln die beiden einfach einem in alter Hassliebe verbundenen Ehepaar?
Mark Lammert Temkine hat uns interessiert, ja. Zu Ihrer Frage zu Wladimir und Estragon: Das muss sich ja nicht prinzipiell ausschließen, wo Menschen sind, wenn sie es sind.

tip Weshalb wird aus Becketts Bühnenbildanweisung („Landstraße, ein Baum, Abend“) bei Ihnen eine Bühne mit einem großen Krater und einem gespenstischen Scheinwerfer?
Mark Lammert Da ist Straße, Baum, Abend. Die meisten Straßen haben Schlaglöcher, in Berlin sowieso, Granatkrater anderswo. Außerdem heißt es in dem Stück: „Wir sind hier also auf einem Plateau, das steht fest. Sozusagen auf dem Präsentierteller.“ Ein Suppenteller, wenn Sie so wollen. Nebenbei, natürlich ist das Loch, der Krater auch das Negativbild vom Standardraum für Becketts Stück „Glückliche Tage“. Der Scheinwerfer hängt vielleicht an einem Baum, der in den Himmel wächst. Es gibt Fotos von 1963: Alberto Giacometti macht den Baum für Becketts „Godot“-Inszenierung, 10 Jahre nach der Uraufführung. Bei der Uraufführung 1953 waren da noch dickere Äste. Bei Giacometti 1963 ein paar ganz dünne. Jetzt, 50 Jahre später, sind auch die noch weg … Wussten Sie eigentlich, dass Beckett alle seine Räume, ehe er sie grau gestrichen hat, gelb streichen ließ?

tip Womit sich der Bogen zu Ihrer gelben Wand in Gotscheffs „Perser“-Inszenierung schließt?
Mark Lammert Wann kann man so was schon machen, den Bogen über zweieinhalbtausend Jahre spannen. Und dann macht das auch noch Spaß! Das könnte der Anfang einer wunderbaren Freundschaft sein. Play it again, Sam.

tip Für Roger Blin, den Regisseur der Uraufführung, sacken „die Protagonisten von Akt zu Akt immer mehr ab“. Werden Sie bei Ihnen vom schwarzen Loch in der Bühne wie vom Hades geschluckt?
Mark Lammert Nein. Die sacken auch nicht ab. Nicht wirklich, nie alle. Die wollen doch wissen, wie es weitergeht. Deshalb, wahrscheinlich, wartet man. Auf wen auch immer. Ist auch gar nicht wichtig. Hauptsache: Warten. Auf den Proben zu „Godot“ handelt man auch so. Das fand ich bemerkenswert.

tip Ihr Lieblingssatz aus „Godot“?
Mark Lammert „Ich möchte ihn gerne denken hören.“

tip Letzte Frage: Ist es eine Tragödie? Ist es eine Komödie?
Mark Lammert Wahrscheinlich irgendetwas zwischen Requiem und Zirkus, etwas helles Dunkles vielleicht.

Interview:
Peter Laudenbach

Foto: Arno Declair

Warten auf Godot am? Deutsches Theater, ?So 28.9., 19 Uhr, Do 2.10., 20 Uhr, ?Karten-Tel. 28 44 12 25

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