Theater

Was ist uns die Kultur wert?

Khuon_SchwenkowUnter dem Titel „Der Kulturinfarkt“ fordert eine aktuelle Streitschrift die zahlenmäßige Halbierung der geförderten Institutionen und ein Ende des alten Subventionssystems. Erster Effekt ist eine Verschiebung der Diskussionslage. In einem „Spiegel“-Essay antwortete der Berliner Kultur-Staatssekretär Andrй Schmitz auf die Polemik mit einer Verteidigung der subventionierten Hauptstadt-Kultur, angesichts der extremen, neoliberalen Spar- und Umverteilungsfantasien eine sehr dankbare Rolle. Aber wie wird die Debatte bei den Kulturveranstaltern selbst wahrgenommen? Wir haben Europas größten kommerziellen Klassikveranstalter, Peter Schwenkow, und den Intendanten des Deutschen Theaters, Ulrich Khuon, nach den Konfliktlinien zwischen freier Kunst und hohem Kommerz gefragt – und nachgeforscht, wie sich die Debatte unter anderen Vorzeichen in der freien Szene und den Berliner Bezirken fortsetzt.

Herr Schwenkow, angesichts der durch eine Polemik im „Spiegel“ ausgelösten Diskussion um die Subventionskultur interessiert es uns, wie Sie als Kultur-Unternehmer es geschafft haben, im vergangenen Jahr „Die Zauberflöte“ als Open-Air-Inszenierung von Katharina Thalbach am Wannsee zu produzieren. Wie viele Zuschauer hatten Sie? Wie viele Subventionen brauchten Sie?
PETER SCHWENKOW?Gesehen haben das ungefähr 38?000 Leute. Die Subventionen waren genau null Euro. Wir haben nicht nur keine Steuergelder ausgegeben, sondern auch noch Steuern gezahlt.

Im Schnitt ist jede Eintrittkarte der drei großen Berliner Opernhäuser mit je rund 190 Euro Steuergeldern subventioniert. Bei Ihren 38?000 verkauften „Zauberflöte“-Karten wären das an den Opernhäusern 7,2 Millionen Euro staatliche Zuschüsse. Weshalb benötigen Ihre Opern-Kollegen Subventionen und Sie nicht?
SCHWENKOW?Wir zeigen „Die Zauberflöte“, oder in diesem Jahr „Carmen“, über einen Zeitraum von drei Wochen. Das ist teuer, wir müssen das Gelände anmieten und die Bühne aufbauen. Unser Auftrag ist es, eine möglichst massentaugliche, kommerziell erfolgreiche Operninszenierung zu produzieren, im letzten Jahr mit Katharina Thalbach, in diesem Jahr mit Volker Schlöndorff in der Regie. Aber den Auftrag, an vielleicht 220 Abenden im Jahr eine Opernvorstellung und ein breites Repertoire anzubieten, haben wir nicht. Wir haben auch nicht den Auftrag, neue Opern vorzustellen oder abgelegene Werke zu entdecken, wir haben nicht den Auftrag, etwas Unspektakuläres, aber historisch oder intellektuell vielleicht für Insider Bedeutsames zu zeigen. Alban Berg oder Luigi Nono werden wir nicht aufführen. Wir müssen uns die gut verkäuflichen Rosinen rauspicken und dann hoffen, dass es funktioniert. Unser Job ist es, mit so einer Inszenierung letztendlich Geld zu verdienen.

Herr Khuon, Ihr Haus verdient seinen Etat zum größten Teil nicht selbst, es kostet die Steuerzahler Geld. Wie viele Zuschauer hatte das Deutsche Theater in der vergangenen Spielzeit, wie finanzieren Sie sich?
ULRICH KHUON?In Berlin und mit den Gastspielen hatten wir etwas über 200?000 Zuschauer bei gut 800 Vorstellungen auf drei Bühnen. Unser Etat liegt bei knapp 25 Millionen Euro im Jahr. Davon spielen wir vier bis fünf Millionen selber ein, durch den Kartenverkauf und durch Gastspiele. Der Rest sind Steuergelder für einen Betrieb, in dem etwa 300 Festangestellte arbeiten.
Ein Standardvorwurf gegenüber den subventionierten Kulturinstitutionen, den auch die Autoren der „Spiegel“-Polemik wiederholen, lautet, die Strukturen seien verkrustet, die Opern, Museen und Theater seien in Beton gegossene Relikte der Vergangenheit, geleitet von lauter Besitzstandswahrern.

Deutsches_Theater_KirschgartenWie viel hat das mit der Realität in den Theatern zu tun?
KHUON?Diese Kritik an der Subventionskultur übersieht völlig, dass sich in den letzten 30 Jahren unter dem großen Kostendruck sehr viel in den Theatern getan hat. Ein Beispiel: Bund, Länder und Gemeinden vereinbaren mit der Gewerkschaft Verdi in schöner Regelmäßigkeit Tariferhöhungen. Die gelten auch für die Theater und Opern. Dieselben Leute, die diese Tariferhöhungen vereinbart haben, sagen dann zu uns, wir haben kein Geld, eure höheren Kosten auszugleichen. Also müssen die Theater sparen. Das ist seit 20 Jahren eine Dauerdiskussion. Am Wochenende, an dem der „Spiegel“-Artikel erschienen ist, war ich im Theater Schwerin. Die müssen von 330 Mitarbeitern 69 entlassen, weil das Land seit 17 Jahren den Kulturzuschuss gedeckelt hat. In so einer Situation ist der Text im „Spiegel“ purer Zynismus. Die Theater versuchen, durch Haustarifverträge, durch mehr freie und weniger feste Mitarbeiter, durch schlanke Strukturen aufzufangen, was sie auffangen können. Das bedeutet auch, dass viele am Theater Beschäftigte weniger verdienen und in prekäreren Arbeitsverhältnissen sind.
SCHWENKOW?Das ist unbestritten. Durch besseres Management sind in den letzten 20 Jahren massiv Kosten gesenkt worden. Das Theater des Westens im alten Westberlin hatte einst einen Verwaltungsdirektor, der definitiv keine Bilanz lesen konnte. Hätte das Deutsche Theater einen unfähigen Verwaltungsdirektor, bräuchten Sie drei oder fünf Millionen Euro mehr im Jahr.
KHUON?Ich bin seit 1988 Intendant und habe in diesen fast 25 Jahren in Kostanz, Hannover, Hamburg und jetzt Berlin bei den Finanzen eigentlich nie eine entspannte Situation erlebt. Alle Theater, Opern und Orchester zusammen kosten die Steuerzahler 0,2 Prozent der öffentlichen Gesamtausgaben. Aber die Diskussion wird oft so geführt, als könnte man mit Kultureinsparungen die öffentlichen Haushalte sanieren. Das ist aberwitzig.

Die Kernthese der vier Kulturmanager, die in ihrer „Spiegel“-Polemik wie ihrem Buch ihrem Ressentiment freien Lauf lassen, lautet, dass ein ungemein angewachsenes Kulturangebot immer weniger Publikum finde. Reicht, so die „Spiegel“-Überschrift, „Die Hälfte“?
SCHWENKOW?So undifferenziert teile ich das nicht. Aber die These, dass das subventionierte Angebot stark zugenommen hat, stimmt. Wenn in den 80er-Jahren in Berlin ein paar Leute den Nebenraum einer Kneipe gemietet und dort Theater oder etwas, was sie für Theater gehalten haben, gezeigt haben, wenn regelmäßig 35 Leute kamen, um das zu sehen, und der tip oder die „Morgenpost“ haben etwas Nettes darüber geschrieben, dann sagt irgendein Kulturpolitiker nach einem Jahr, wir stellen denen mal einen größeren Saal zur Verfügung. Spätestens nach einem weiteren Jahr werden die sagen, wir brauchen jetzt eine Unterstützung, ohne Subventionen können wir nicht weitermachen. Die Journalisten helfen den neuen Kulturanbietern, und die Politik sagt nicht Nein. Das ist tausendfach in Deutschland passiert.

Was ist daran schlecht?
SCHWENKOW?Das will ich Ihnen sagen. Das ist erst klein, dann wird es mittelgroß, dann wird es irgendwann teuer. Heute subventionieren wir Tausende Kulturinstitutionen, die so entstanden sind und von denen wirklich nicht alle diesen Begriff verdienen. Und nichts von dem, was einmal so entstanden ist, darf offenbar wieder verschwinden, auch wenn es seine guten Tage längst hinter sich hat. Wenn insgesamt weniger Geld zur Verfügung steht, darf man doch fragen, ob wirklich alles subventioniert werden muss.

Zauberfloete_bei_den_Seefestspielen_BerlinDie Schaubühne ist 1962 genau so entstanden, genau wie die Tanzcompagnie von Sasha Waltz in den 90ern. Der Regisseur Armin Petras oder die Choreografin Constanza Macras haben in solchen Strukturen angefangen. Daraus ist ein großer kultureller Reichtum entstanden. Vielleicht haben die Kulturpolitiker, die das ermöglicht haben, also etwas richtig gemacht. Ihre These, dass alles zwanghaft erhalten wird, auch wenn es sich vielleicht überlebt hat, ist spätestens mit der Schließung des Schiller Theaters und den abgewickelten oder fusionierten Theatern in den neuen Bundesländern und im Ruhrgebiet obsolet.
SCHWENKOW?Um das mal etwas zuzuspitzen: Ich schätze, ein Drittel der Intendanten im deutschsprachigen Raum wird von der Politik nur berufen, weil der Kandidat gute Kritiken in der „Zeit“, in der „Welt“, in der „FAZ“ und in der „Süddeutschen Zeitung“ vorweisen kann. Also sind gute Kritiken für die eigene Karriere wichtiger als Publikumsnähe.

Herr Khuon, Sie sitzen öfter in Findungskommissionen. Sind Kulturpolitiker wirklich so pressehörig?
KHUON?Meine Aufgabe in solch einem Prozess ist es nicht, dafür zu sorgen, dass eine bestimmte Wahl getroffen wird, sondern dass eine Auswahl zwischen bestmöglichen Alternativen möglich ist. Das sind seriöse Diskussionen. Gut ist, wenn Kulturpolitiker wissen, was sie von einem Intendanten erwarten, wenn sie, bevor sie sich auf die Suche machen, ein Anforderungsprofil entwickeln und definieren, in welche Richtung der neue Intendant, die neue Intendantin das Haus lenken soll. Jemand, der von der Kritik niedergeschrieben wird, dürfte es in diesem Berufungsprozess relativ schwer haben, da gebe ich Ihnen recht. Andererseits hat ein Intendant mit mäßigen Kritiken, aber einem sehr interessierten Publikum trotzdem gute Chancen, dass sein Vertrag verlängert wird.

Ein beliebter Vorwurf gegenüber der Subventionskultur lautet, dass dort eine gewisse Dekadenz herrsche. Wenn Spitzensänger an einem ersten Opernhaus für eine einzige Vorstellung Höchstgagen zwischen 10?000 und 15?000 Euro bekommen, ist dieser Vorwurf nicht ganz von der Hand zu weisen, oder?
SCHWENKOW?Wenn Anna Netrebko bei einem DEAG-Konzert in der Waldbühne auftritt, ist ihre Gage wesentlich höher, und das wird nicht subventioniert. Wenn die Opernhäuser diese Gagen an der Spitze nicht bezahlen können, sind sie nicht konkurrenzfähig.

Über Klaus Wowereits Einkommen von knapp 150?000 Euro im Jahr können Thomas Ostermeier, Frank Castorf und die anderen Berliner Großintendanten vermutlich nur müde lächeln. Ist es in Ihren Augen nötig, dass Intendanten deutlich mehr verdienen als der Regierende Bürgermeister?
SCHWENKOW?Gute Intendanten sollten viel verdienen, finde ich. Ein schlechter Intendant, der einen Etat von 20 oder 30 Millionen verantwortet, kann mit Missmanagement sehr viel teurer werden als ein gut bezahlter, fähiger Opern- oder Theaterleiter. Andere Spitzenmanager landeseigener Betriebe wie BSR, BVG, Flughafen oder Messegesellschaft verdienen wesentlich mehr als der teuerste Berliner Intendant. Der Geschäftsführer der Messe Berlin hat ein Jahresgehalt von 463?000 Euro. Die Relation zum Einkommen des Regierenden Bürgermeisters stimmt nicht, weil Politiker so wenig verdienen. Ein Mann wie Schäuble könnte in der Wirtschaft in einem großen Konzern leicht auf ein Jahresseinkommen von mehreren Millionen kommen. Als Minister hat er einen bescheidenen Bruchteil davon.
KHUON?Das sehe ich auch so. Ich würde mein Gehalt eher mit dem eines Chefarztes vergleichen; es liegt vermutlich noch deutlich darunter. Und in dieser Relation finde ich mein Einkommen angemessen.

Die Autoren der „Spiegel“-Polemik vertreten die These, ein Überangebot an subventionierter Kultur behindere die kommerzielle Konkurrenz. Herr Schwenkow, wäre Ihr subventionsfreies Kulturunternehmer-Leben leichter, wenn Berlin nur noch halb so viele Theater und Opern hätte?
SCHWENKOW?Ich glaube nicht. Ich finde Subventionen richtig und notwendig. Es gibt bestimmte Kulturangebote, die gibt es nur, weil jemand sie ermöglicht. Früher waren das die Fürsten und Päpste und die reichen Mäzene, die Aufträge vergeben haben. Heute ist der Ermöglicher der Staat. Kultur ist Brot für die Seele, das ist extrem wichtig.

Konkurrieren Sie um Publikum, der eine mit Subventionen, der andere ohne, oder bewegen Sie sich auf völlig unterschiedlichen Märkten?

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