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Was taugen die Berliner Freiluft-Bühnen?

Open-Air-Theater

Was ist der Unterschied zwischen Theater und Bundestag? Der Narr auf der Bühne weiß die Antwort: „Bei uns werden gute Schauspieler schlecht bezahlt.“ Tusch und Fanfare, willkommen im Sommertheater! Ab 25 Grad schmerzt kein Kalauer mehr, und ob das Stück drumrum nun von Shakespeare oder Schlag-mich-tot stammt, spielt eigentlich auch keine Rolle. In diesem Fall steht „Wie es euch gefällt“ auf dem Programm, Schauplatz ist das Monbijou-Theater in Mitte. Monbijou-Theater? Richtig, bis vor Kurzem hieß dieser Hotspot des Freiluftvergnügens noch Hexenkessel Hoftheater. Pünktlich zum 20-jährigen Bestehen der Gauklertruppe hat Produzent Christian Schulz – nebenher Betreiber der Strandbar und anderer lukrativer Läden – sich aber für die Umbenennung entschieden. Zum einen, weil der Standort seines Amphitheaters im Monbijoupark mittlerweile sehr etabliert ist. Zum anderen, weil Hexenkessel-Mitbegründer Jan Zimmermann inzwischen nicht mehr alleiniger Haus-Regisseur ist, sondern frische Kräfte dazugewonnen wurden.
Wen es beruhigt: Auf der Bühne sieht man nicht wirklich einen Unterschied. „Wie es euch gefällt“, inszeniert von Sarah Kohrs, bedient perfekt die Erwartungen ans muntere Volkstheater-Amüsemang, für das der Hexenkessel immer schon stand. Shakespeares Liebes­tändelei im Ardenner Wald, wo die verbannte Herzogtochter Rosalind (Rebekka Köbernick) und ihr Lover Orlando (Michael Schwager) sich in Maskerade näherkommen, ist unschwer als Frohsinnsveranstaltung zu erkennen: Der Narr Prüfstein (Vlad Chiriac) trägt Schellenkappe und spitze Schuhe. Rosalinds beste Freundin Celia (Roger Jahnke) ist eine Crossdresserin im schreiend rosa Fummel, die zur Gaudi des Publikums gern mal behaartes Bein zeigt. Und wenn Melancholiker Jacques (­Roman Kanonik) zwischendrin berühmte Shakespeare-Verse zu deklamieren hat („Die ganze Welt ist eine Bühne“ etc.), erleidet er zuvor eine Art epileptischen Anfall und schreit: „Arrgh! Ein Monolog bahnt sich an!“ Das kommt in den fast immer ausverkauften Vorstellungen riesig an.
Shakespeare ist und bleibt der Spaßgarant für laue Theatertage. In diesem Jahr wird auch wieder die Ruine der Franziskanerkirche am Alex bespielt, wo sich vor Jahren schon mal die Künstlerin Nelly Eichhorn an Open Air versucht hat. Jetzt gastiert hier die Truppe Shakespeare und Partner um Veteran Norbert Kentrup, die mit – festhalten! – Stanley Shakespeare einen echten Namensvetter in ihren Reihen hat. Wenn das keine Werktreue verspricht. Zur Premiere gebracht wird im pittoresken Verfallsambiente an der Klosterstraße, wie könnte es anders sein, „Wie es euch gefällt“.

Open-Air-Theater

Konkurrenz ist ja immer die willkommene Gelegenheit zum Vergleich. Da bieten sich dem Shakespeare-Aficionado quasi unbegrenzte Möglichkeiten. Im Naturpark Schöneberger Südgelände zum Beispiel. Dort sind mit der Shakespeare Company Berlin nicht minder altgediente Spezialisten fürs geistestreue elisabethanische Theater am Werk. Die Truppe feiert in diesem Jahr auch schon ihr 15-jähriges Bestehen. Seit 2011 spielt sie auf der Open-Air-Bühne im Birkenwäldchen des vormaligen Rangierbahnhofs Tempelhof, wo Sätze wie „Es war die Nachtigall und nicht die Lerche, die eben jetzt dein banges Ohr durchdrang“ einen ganz eigenen Klang vor zwitscherintensiver Naturkulisse entfalten. Bei Regen wird in die nahe Lokhalle ausgewichen.
Es muss ja auch im Sommer nicht alles draußen spielen. Mindestens so derb vergnüglich wie auf den Grünflächen geht’s auch im Pfefferberg-Theater zu, das die schreibenden, produzierenden und spielenden Woesner-Brothers im vergangenen Jahr erschlossen haben. In der frisch renovierten Schankhalle ist ein 250-Plätze-Haus mit Ganzjahresprogramm entstanden, das Heimstatt für die Zoten-Zampanos und geistesverwandte Gäste bietet. Berlins Schwankhalle. Und wer’s noch abseitiger mag, sollte sich die skurrile Sommerdependance des Berliner Kriminaltheaters im Lakeside Burghotel zu Strausberg nicht entgehen lassen. Im Hofe dieses luxuriösen Wellness-Baus wird Mord und Totschlag Marke Agathie Christie gegeben. Der Mörder ist immer der Gärtner!
Andere Spielorte punkten dagegen durch unaufgeregte Verlässlichkeit: wie die Freilichtbühne an der Zitadelle. Einer der wenigen Orte mit gutem Kindertheater für die Hitzetage. In dieser Saison stehen mal wieder die Abenteuer von Pippi Langstrumpf auf dem Programm. Wie immer mit echtem Pferd auf der Bühne.
Im Monbijou-Theater denken sie derweil schon an die Zukunft. In der könnte – hört, hört! – das Shakespeare-Monopol gebrochen werden. Geplant ist nichts Geringeres als eine Volkstheater-Version des Nationalheiligtums – Goethes „Faust 1“! Wobei – schwankende Gestalten passen eh prima zum Sommer­theater.

Text: Patrick Wildermann

Foto: Gerrit Wittenberg, Promo

Adressen:

Zitadelle Spandau
Am Juliusturm 62, Spandau, ?Karten-Tel. 627 059 26
www.freilichtbuehne-spandau.de

Sommertheater am Alex
Ruine der Franziskanerkirche, ­Klosterstraße 73?a, Mitte, ?Ticket-Tel. 01575-420 87 61, ?
www.shakespeareundpartner.de

shakespeare ?company Berlin

Natur-Park Schöneberger Südgelände, Prellerweg 35, Ticket-Tel. 21 75 30 35,
www.shakespeare-berlin.de

Woesner ­Brothers
Pfefferberg Theater, Schönhauser Allee 176, Prenzlauer Berg, ?Ticket-Tel. 44 35 48 70,
www.woesner-brothers.de

Kriminaltheater open Air
The Lakeside Burghotel zu Strausberg,
Gielsdorfer Chaussee 6, ?Ticket-Tel. 03341-346 90?/?030-47 99 74 70,
www.burghotel-strausberg.de

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