Theater

„Wastwater“ am Deutschen Theater

WastwaterAm Ende schauen sie auf den Zeichentrickfilm, der auf ihrem Smartphone läuft. Für einen Augenblick entsteht fast so etwas wie Intimität und Vertrautheit. Die beiden haben sich für ein Sexdate in einem Hotelzimmer am Flughafen Heathrow getroffen, sie im eleganten, sehr körperbetonten Kleid, eine Mondäne im offensiven Flirt-Modus (Susanne Wolff), er ein Schluffi mit spärlicher werdendem Haupthaar (Moritz Grove). Aber die kurzen Kuss-Attacken, das beiläufige Gefummel, ihr neckisches Kneten seiner Brustwarzen, das Geplauder über Biografiebrocken und den Beziehungsstatus mit den jeweiligen Partnern wirken nur wie die Fortsetzung der Hotelzimmer-Einsamkeit. Die beiden Paarungswilligen prallen an der Oberfläche und Austauschbarkeit des Gegenübers ab. Sie sind nicht naiv genug, ihr Treffen mit einer Romanze zu verwechseln, und nicht abgestumpft genug, sich mit der reinen Triebabfuhr zu begnügen. Die kleinen Grenzüberschreitungen und das unverbindliche Eindringen in die Intimsphäre des anderen haben etwas zutiefst Melancholisches.

Dieses Ineinander von Fremdheit und Intimität variiert der britische Wellmade-Play-Dramatiker Simon Stephens in seinem Stück „Wastwater“ in drei Akten mit jeweils anderem Personal. Ulrich Matthes hat das in den Kammerspielen des Deutschen Theaters genau und eindringlich inszeniert. Und dabei die Schwächen des im vergangenen Jahr mit der Wahl zum Stück des Jahres vielleicht etwas überschätzten Werkes mit Nüchternheit beantwortet. Als würde Stephens seinen Figuren kein Dramenpotenzial zutrauen, müssen allerlei beliebig wirkende Grellheiten als Geschmacksverstärker herhalten. In der Hotelzimmer-Szene reicht es nicht, dass die beiden Einsamen einander in ihrer Verlorenheit umkreisen, sie muss auch noch Polizistin und Ex-Junkie sein, die früher, um das Heroin zu finanzieren, in Pornofilmen mitgewirkt hat.
In der ersten Szene, in der ein erwachsen gewordenes Pflegekind (Thorsten Hierse) Abschied von der Pflegemutter nimmt (Barbara Schnitzler), muss ein tödlicher Autounfall seinen Schatten über die Vergangenheit legen. Und in der dritten Szene versucht sich Stephens als Thriller-Autor und lässt eine Kriminelle einen Mann schikanieren, der illegal ein Kind aus der Dritten Welt adoptieren will.

Stephens Hang zur Schock-Einlage bedient Matthes entschieden nicht, stattdessen faszinieren ihn gerade die Normalität der Figuren und ihre selbstverständliche Verlorenheit. So ist in der letzten Szene nicht die Thriller-Ebene das Interessanteste, sondern die Hilflosigkeit des Manns, der auf das Kind wartet, das er adoptieren will. Er weiß nicht, wie er mit der Situation umgehen soll, er weiß, dass er etwas Illegales macht, er will sich Mühe geben, trotzdem irgendwie ein guter Mensch zu sein. Bernd Stempel spielt dieses graue, schwitzende Männchen im schlecht sitzenden Anzug und mit verkniffener Körperhaltung als eine Mischung aus Rest­würde und gedemütigter Kreatur. So bekommt Matthes’ Inszenierung gerade in ihrer Lakonie eine schöne Eindringlichkeit.  

Text: Peter Laudenbach
Foto: Arno Declair
tip-Bewertung: Annehmbar

Wastwater
DT Kammerspiele,
z.B. am Sa 18., So 19., Mi 22. 5.,
Karten-Tel. 28 44 12 21

Interview mit Ulrich Matthes zu „Wastwater“

 

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