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Berliner Bühnen zeigen etwas andere Weihnachtsmärchen

Die_Schneekoenigin_02_c_ChristianBrachwitzWeihnachtsmärchen gehören so unerschütterlich zum Advent wie Glühwein­exzesse und Last-Minute-Shopping. Im Gegensatz zu anderen Städten, wo die einzige Lokalbühne das dritte Jahr in Folge mit einer Cornelia-Funke-Adaption oder einer versüßlichten “Meerjungfrau“ aufwartet, ist das jahresendzeitliche Theateraufkommen in der Hauptstadt ähnlich ausdifferenziert wie die Weihnachtsmarktszene – vom zuckerbäckrigen Überwältigungsevent bis zum handverlesenen Edel-Minimalismus. So wagt sich die Komödie am Kurfürstendamm dieses Jahr an eine Musical-Adaption des tschechischen Kultmärchenfilms “Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Das Maxim Gorki Theater reaktiviert den “Kleinen Muck“ mit Puppen. Und im Theater an der Parkaue wächst eine spektakulär attraktive männliche “Schneekönigin“ aus dem Bühnenboden: Magische gefühlte zehn Minuten dauert es, bis die faltenfrei-schockgefrostete Monarchin aus der Feder Hans Christian Andersens mit ihrem weißen Endlos-Kleid zur Fünf-Meter-Statue ausgewachsen ist, um in angemessener Coolness auf ihre Opfer herunterblicken zu können.

“Die Schneekönigin hat beste Tradition im Theater an der Parkaue“, erzählt Intendant Kay Wuschek. Susanne Sachsses Inszenierung, in der neben der queeren Titel-Schönheit auch ein halbseidener bocksfüßiger Zwerg, zwielichtige Kunstblumen mit beachtlichem IQ oder ein wunderbar schrullig aus der Zeit gefallenes Königspaar mitspielen, ist bereits die achte Variante am Haus: Seit 1957 – damals hieß die Kinder- und Jugendbühne noch Theater der Freundschaft – steht das Märchen in verschiedenen Inszenierungen nahezu ununterbrochen auf dem Winterspielplan. Wobei natürlich jede Version einen anderen Aspekt dieser Story betont, in der der materiell nicht eben verwöhnte Junge Kai den Aufstiegsverheißungen der “Schneekönigin“ erliegt und von seiner emanzipierten Schwester Gerda in letzter Sekunde vor dem mentalen Kältetod gerettet wird.

Tatsächlich seien die durch die Jahre unterschiedlichen Regiezugriffe, erklärt Wuschek, wie Seismografen für die Problemlagen und Bühnenmoden ihrer jeweiligen Zeit. Während Sascha Bunges Inszenierung vor sieben Jahren quasi “die Marzahner Wohnküche in die Welt aufbrechen“ ließ, spielt die aktuelle Sachsse-Version so lustvoll wie bild­originell mit dem “Unheimlichen“, mit dem man seit “Harry Potter“ und Co auch im Theater einen völlig neuen Umgang pflege, so Wuschek. Die Park­aue nutzt diesen Magic Turn mittels androgyner Protagonistinnen oder dezidiert suspekter Erzählerfiguren, deren Sogwirkung man sich bei aller Windigkeit nicht entziehen kann, zur lustvoll-produktiven Irritation.

Seit Wuscheks Intendanzantritt vor acht Jahren inszenieren an der Parkaue statt der ewigen Kinder- und Jugendtheaterprofis Künstler wie Hans-Werner Kroesinger, Showcase Beat Le Mot oder eben Susanne Sachsse vom amerikanisch-deutschen Performancekollektiv Cheap, die die (Erwachsenen-)Theaterszene in den letzten Jahren mit völlig neuen Bühnensprachen aufgemischt haben. Eine Erfolgsgeschichte, bei der Zuschauer auch schon im Vorschulalter ernst genommen statt mit vermeintlich altersgerechtem Story- oder Ästhetik-Downgrading unterfordert werden.

Eine Besonderheit im Spielplan stellt das Weihnachtsmärchen allerdings dennoch dar: “Es funktioniert als idealer Türöffner“, erklärt Kay Wuschek. “Ganz egal, welches Haus ich leite: Ich würde immer und überall ein Weihnachtsmärchen machen, denn zu keiner anderen Jahreszeit ist die Leidenschaft für das Theater so groß.“ Obwohl die Parkaue an Winter-Wochenenden auf ihren drei Bühnen bereits bis zu sechs Vorstellungen täglich stemmt, könnte sie – gemessen an der Nachfrage – mindestens doppelt so viele Aufführungen zeigen. “Das Weihnachtsmärchen“, sagt Wuschek, “ist praktisch doppeltes Theater, in dem Eltern ihre Kinder ganz neu wahrnehmen können – und umgekehrt. Diese Momente, in denen die Oma peinlich berührt ist, die Mutter lauthals lacht und das Kind ein einziges Fragezeichen im Gesicht hat, sind schon toll“, lacht Wuschek.

Er selbst ist übrigens nicht dezidiert mit Weihnachtsmärchen theatersozialisiert worden, sondern mit Karl Valentin: “Ich saß mit fünf Jahren im voll besetzten Saal des Kreiskulturhauses Aschersleben, wo mein Vater, ein Werkzeugmacher, mit seiner Laientheatergruppe einen Valentin-Sketch spielte, bei dem ihm ständig die Hose herunterrutschte.“Während sich um ihn herum alle brüllend auf die Schenkel schlugen, erinnert sich Wuschek, habe ihn diese Nummer nachhaltig verstört: “Das war mein Vater, und der stand da in Unterhosen und wurde ausgelacht. Ich fand das kein bisschen lustig!“

Text: Christine Wahl

Foto: Christian Brachwitz 

Die Schneekönigin Theater an der Parkaue, ab 20.11., Karten-Tel. 55 77 52 52, ab 5 Jahren

Drei Haselnüsse für Aschenbrödel Komödie am Kurfürstendamm, ab 23.11., Karten-Tel. 88 59 11 88, ab 4 Jahren

Der Kleine Muck Maxim Gorki Theater, ab 1.12., Karten-Tel. 20 22 11 15, ab 6 Jahren

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