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Welcher Shakespeare passt zu mir?

Monbijou-Theater

Der Mann tritt auf und tätschelt erstmal einer schwangeren Zuschauerin den Bauch: „Es tritt!“ Er selbst sieht allerdings auch nach schwer fortgeschrittenen Umständen aus. Kein Wunder. Tartüff, wie der Übergriffige aus der Moliиre-Komödie hier eingedeutscht heißt, ist ein Prasser und ­Zecher. Ein skrupelloser Schmarotzer im Hause des naiven Großbürgers Orgon, der dem bigotten Frömmler bedingungslos verfallen ist. Tartüff (Roman Kanonik) kennt keine Scham. Auch nicht im Monbijou-­Theater, wo er Wackelpudding-Tänze mit seinem Wanst aufführt und gemäß seinem Heuchler-Motto agiert: „Sünde ist Sünde nicht, wenn sie geheim geschieht.“
Das Publikum hat im Amphitheater bei Rekordhitze im Rund seine helle Freude an der Unmoral. Auch das ausländische, dem ganz metropolengemäß mittlerweile eng­lische Übertitel der Klamotte angeboten ­werden. Überhaupt schafft das Monbijou-Team seinen Besuchern Orientierungshilfe, wo es geht. Zwecks unmissverständlicher Verortung der Inszenierung „nach Monsieur Moliиre“ hängt eine Pariser Panoramatapete nebst Eiffelturm hinter den hölzernen Balustraden des jährlich leicht variierten Holzbaus im Park (Bühnenbild: David Regehr). Außerdem hantiert das „Tartüff!“-Ensemble in der Regie von Darijan Mihajlovi? gern mal mit ausladenden Baguettestangen. Bienvenu zum Amüsemang.
Die Open-Air-Saison ist eröffnet. Und Sommerzeit ist Schwankzeit. Wobei hier das Freilufttheater der Natur gleicht: Jede noch so abseitige Spielart ist vertreten. Das reicht von der kulissenklappernden ­Räuberpistole im Lakeside Burghotel zu Strausberg, wo das Berliner Kriminaltheater in diesem Jahr „Der Zinker“ von Edgar Wallace gibt. Bis zur Kinderbespaßung an der frischen Luft in der Zitadelle Spandau, wo in diesem Jahr „Das Beste von Petterson und Findus“ auf dem Programm steht. Und wo man erfahrungsgemäß sicher sein kann, dass die Geschichten genauso erzählt werden, wie der Nachwuchs sie kennt und schätzt, und niemand mit der Behauptung hausieren geht, die Kinder ­wären versessen darauf, ihre Fantasie durch ­abstraktes Tanztheater zu weiten.
Aber in erster Linie stellt die alljährliche Sommersause den Unterhaltungssuchenden wieder mal vor die Frage: Welcher ­Shakespeare passt zu mir?
Gewöhnlich sorgen die Evergreens „Wie es euch gefällt“ und „Der Sommernachtstraum“ für gute Laune in lauen Sommernächten. Doch heuer wird’s überraschenderweise tragisch, zumindest dem Titel nach. Im Monbijou-Theater, vormals Hexenkessel Hoftheater, hat man neben dem „Tartüff“ nämlich den ­“Hamlet“ für die heißen Tage ausgegraben. Eine von Gabriele Blum und Peter Kaempfe aufgezogene, schlanke 90-Minuten-Fassung für drei Spieler, die aus dem blutigen Am-Ende-sind-sie-alle-tot ein Höchstmaß an Humor herausholt. Nicht zuletzt durch einen hinzuerfundenen Tatortreiniger: „Wenn ich mir vorstelle, Vadder wär’ tot und Mudder würd’ so schnell wieder heiraten …“ An neu­ralgischen Punkten des Textes darf das Publikum auch selbst aktiv werden und Dänemark-Fähnchen schwenken. Große Volksgaudi. Die Veteranen des Open-Air-Theaters im Monbijou-Park erneuern verlässlich ihren Ruf als nahkontaktfreudigste und bunteste Gauklertruppe unter der Berliner Sonne.
 Shakespeares „Hamlet“ hat sich auch die Gruppe Neues Globe Theater ausgesucht, die aus dem Ensemble Shakespeare und Partner hervorgegangen ist und in diesem Jahr wieder in der Klosterruine der Franziskanerkirche am Alexanderplatz spielt. Auch dort ist ­Publikumsnähe garantiert. Company-Mitbegründer und Schauspieler Andreas Erfurth versichert zwar beruhigend: „Wir veranstalten kein Mitmachtheater.“ Aber all die Monologe des zergrübelten Dänenprinzen seien eigentlich „Dialoge mit den Zuschauern. Hamlet verfertigt seinen Gedanken beim Reden mit den Menschen.“ Das will die Inszenierung von Kai Frederic Schrickel „sinnlich erfahrbar machen“.
Den bereits in dritter Spielzeit erprobten Schauplatz Klosterruine findet Erfurth dabei denkbar geeignet für ein Stück, „in dem es um Tod, Vergänglichkeit und Wahn geht“. Und das trotz allem auch in seinen Augen genug Spaßpotenzial für die lauen Abende bietet. Nicht zuletzt dank der Figur des Totengräbers, die bei Shakespeare eigentlich „Clown“ heißt. Und die in der Version des Neuen Globe Theaters – die ausschließlich mit Männern besetzt ist – als Verschnitt aus Zombie, Jack the Ripper und Joker daherkommen und sich über den Tod lustig machen wird. „Unglaublich“, freut sich Erfurth, „wie zeitgemäß diese Komik ist!“
Der Satz, der das Wesen des Open-Air-Theaters besser auf den Punkt bringt als alle Beschreibungsversuche, findet sich ebenfalls bei Shakespeare: „Humor, wenn es dich wirklich gibt, bring mich in Stimmung!“ Vieldeutig schallt er durch die Lokhalle des Naturparks Schöneberger Südgelände, wo die Shakespeare Company Berlin beheimatet ist und sich an diesem Abend wegen Unwetterwarnung in ihre überdachte Ausweichspielstätte begeben hat. Auf dem Programm steht „Was ihr wollt“, die illyrische Verwechslungskomödie um die gestrandete Olivia (Yvonne Johna), die in ­Männerverkleidung Köpfe verdreht. Von ­Regisseur Alexander Flache als sehr pfiffiges Volkstheater im Spießeridyll aus Jägerzäunen, alkoholspendenden Gartenzwergen und Singen-verboten-Schildern inszeniert. In diesem kurzweiligen „Was ihr wollt“ gibt’s auch den definitiv schönsten Song dieser Open-Air-Saison zu hören. Die Shakespeare-Truppe singt: „Das Bier kann nichts dafür.“

Text: Patrick Wildermann

Foto: Bernd Schoenberger

Monbijou-Theater
Monbijoupark, Monbijoustr. 2, ­teilüberdacht,
Anfahrt: S Hackescher Markt,
U Weinmeister Straße,?Karten-Tel. 288 86 69 99,
www.monbijou-theater.de
Tartüff: 16.–30.7., 19.30 (außer Mo)
Hamlet: 16.–30.7., 21.30 Uhr
(Mo 27.7., 19.30 Uhr)

Shakespeare Company Berlin
Naturpark Schöneberger Südgelände, Prellerweg 35, Open Air,
bei Regen in der Lokhalle,
Anfahrt: S?2/S?25,
bis S-Bahnhof Priesterweg, ?Karten-Tel. 21 75 30 35,
www.shakespeare-berlin.de
Was ihr wollt: 21.7.–1.8. (außer Mo), 20 Uhr, Sa 19 Uhr

Sommertheater am Alex
In der Ruine der Franziskanerkirche, Klosterstr. 73a, Open Air,
Anfahrt: U?2 Klosterstraße,
Ticket-Tel. 0157–54 20 87 61,[email protected],
www.neuesglobetheater.de
Wie es euch gefällt: Do 16.+Fr 17.7., 20 Uhr
Hamlet: 23.7.–8.8.,20 Uhr (außer Mo)

Kriminaltheater
The Lakeside Burghotel zu Strausberg, Gielsdorfer Chaussee 6, Open Air,
Anfahrt: S?5 bis Strausberg Nord,
Ticket-Tel. 03341–346 90,
www.burghotel-strausberg.de
Der Zinker: So 19. u. So 26.7., 20 Uhr

Freilichtbühne an der Zitadelle Spandau
Am Juliusturm 62, ?Karten-Tel. 627 059 26,
www.freilichtbuehne-spandau.de
Das Beste von Petterson und Findus: So 19.7., 16 Uhr; Mi 22.7., 15.30 Uhr; So 26.7., 16 Uhr; Mi 29.7., 15.30 Uhr

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