Theater

West in Peace im HAU Berlin

West_in_PeaceWer heute den „Wilden Wes­ten“ sucht, wird am ehesten im Osten fündig. Das wissen Branchenkenner spätestens seit Fried­rich von Borries’ und Jens-Uwe Fischers Suhrkamp-Recherche „Sozialistische Cowboys“. Dort wird von begeisterten DDR-Freizeit-Wildwestlern berichtet, die zumindest am Wochenende eine Art Realitätsflucht antraten, um in Indianistik-Klubs wie dem 1956 gegründeten „Old Manitu“ amerikanische Bürgerkriegsschlachten nachzuspielen oder dem „Häuptling von Hoyerswerda“ die Hand zu schütteln: Aktivitäten, die die Staatssicherheit mit höchster Skep­sis beäugte.

Logisch, dass früher oder später auch die Performer von Andcompany&Co. im östlichen Wildwest-Reservat landen mussten. Schließlich haben sie sich seit „Little Red“, ihrem Einstieg in die internationale Festivalszene 2006, immer wieder dezidiert – und überdurchschnittlich intelligent – mit dem Osten auseinander gesetzt. Andcompany&Co. verdichten, sampeln und remixen den ideologischen Restmüll aus Kalten-Kriegs-Zeiten so lange und so scharfsichtig, bis tatsächlich maximal unverstellt jener eigenwillige Bodensatz zutage tritt, der sich von gesellschaftlichen Ideen im kollektiven Unbewussten so festsetzt. Beim Impulse-Festival, dem „Theatertreffen“ der freien Szene, hat die Truppe mit „Mausoleum Buffo“ gerade souverän den Abstand zwischen Lenin und Lennon vermessen. In „West in Peace oder Der letzte Sommer der Indianer“ folgt nun der analytische Kurzschluss von Karl May und Karl Marx. Die Performer haben sich im brandenburgischen „Eldorado“, dem kommerziell erfolgreichsten Wildwest-Vergnügungspark, ausgereifte Stunts und Indianerfilme mit dem DEFA-Apachenhäuptling Gojko Mitic angesehen und in Polen das größte Country-Festival Osteuropas besucht. Das Erfolgsgeheimnis der indianischen Disneylandkultur, sagt der Chefdenker der Truppe, Alexander Karschnia, bestehe in der strukturell äußerst schrägen Kombination aus Ostalgie und Western. Andcompany&Co. haben natürlich weder das eine noch das andere im Sinn, wenn sie in Anlehnung an die real existierenden Industriebrachen-Indianisten ihre Tipis im HAU 3 aufschlagen. Sondern sie hinterfragen mit ernst zu nehmendem Theorie-Rüstzeug im Gepäck – nostalgische Kategorien wie „der Westen“ und „der Osten“ schlechthin und landen ohne allzu große Umwege auch beim Kannibalismus-Diskurs und Thilo Sarrazin.

Text: Christine Wahl
Foto: Gregor Knueppel

Termine: West in Peace

im HAU 3, Tempelhofer Ufer 10, Kreuzberg,
Do 17. bis So 20.12., 20 Uhr

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