Theater

„West Side Story“ an der Komischen Oper

Der Würgegriff amerikanischer Erben und Rechte-Inhaber verhindert zumeist Neuinszenierungen großer amerikanischer Musicals. Leonard Bernsteins „West Side Story“, das Barrie Kosky jetzt an der Komischen Oper inszeniert hat, ist deshalb rar an deutschen Theatern. Und flutscht hier vergleichsweise konventionell über die Drehbühnen-Bretter der Komischen Oper. So als hätte man die Ausnahmegenehmigung, die Kosky für seine Produktion erwirken musste, gleich mitinszeniert.

Umso erstaunlicher, dass die Aufführung ungemein mitreißt und auf Touren kommt. Das liegt am irrwitzigen Biss des großen Orchesters. Unter Koen Schoots gehen die Musiker mit der Beweglichkeit und Aggressivität einer Messerstecherbande zu Werke. Man ballert und beißt, bis New Yorker Bezirksbeamte kommen. Ein Musical-Triumph, wie man ihn in Berlin lange nicht erlebte.

Die nervenzerfetzende Energie erreicht Bernsteins Jugendgang-Version von Shakespeares „Romeo und Julia“ auch dank choreografischer Überschläge, tänzerischer Knüffe und Püffe der tätowierten Tänzer-Massen. Co-Regisseur Otto Pichler choreografiert die zwei verfeindeten Straßen-Banden (die Jets und Sharks) nicht so clean und zivilisiert wie ursprünglich Jerome Robbins in der Verfilmung von 1961. In Berlin atmet das mehr den Schmutz der Straße. Nicht mehr den Muff der 50er-Jahre, in denen das Werk entstand.

Da Kosky das Tempo häufig rabiat verlangsamt, kommen triste Aspekte dieser Musical-Tragödie souverän zum Zuge. Selbst frühere Wurzen-Darsteller, die an der Komischen Oper jahrelang systematisch ausgebeutet und verbraucht wurden, sind unter Kosky wieder zum Leben erwacht. So etwa Peter Renz in der kleinen, tragikomisch anrührenden Rolle des Doc.

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Dass vor allem Ensemblekräfte zum Einsatz kommen, sorgte im Vorfeld für Skepsis. Doch man hört dafür gottlob nicht jene plärrigen Baby-Stimmen wie sonst im zeitgenössischen Musical. Julia Giebel (Maria) und Tansel Akzeybek (Toni) verströmen ein leichtes Migrations-Flair. Was Regisseur Kosky gewiss gut zupasskommt.

Die Aufführung ist die erstaunliche Rückeroberung eines Musical-Meisterwerks für das deutsche Stadttheater. Mit Opern-Blockbustern wie der „Zauberflöte“ oder „La Bohиme“ kann es sich hörbar messen. Angeblich sind die zahlreichen Aufführungen bereits ausverkauft. Tatsächlich: ein Must-see!

Text: Kai Luehrs-Kaiser

tip-Bewertung: Herausragend

„West Side Story“ Komische Oper, Do 5.12., So 8.12., Fr 13.12., Mi 18.12., Mo 23.12., Mi 25.12., So 29.12., Di 31.12., jeweils 19.30 Uhr (außer 19 Uhr am 8.12. und 18 Uhr am 25., 29.12. und 31.12.), Karten-Tel. 47 99 74 00

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