• Kultur
  • Theater
  • „Wie will ich leben?“: Jette Steckel im Gespräch

Literaturadaption

„Wie will ich leben?“: Jette Steckel im Gespräch

Jette Steckel, Foto: Arno Declair

tip Richard Yates Roman einer scheiternden Ehe ist 1961 erschienen, 2008 wurde er mit Kate Winslet und Leonardo DiCaprio verfilmt. Was interessiert Sie an „Zeiten des Aufruhrs“
Jette Steckel Yates hat einen sehr feinen, sezierenden, mitunter bösen und auch humorvollen Blick auf ein Paar, auf scheiternde oder vermeintlich gelingende Lebensentwürfe, auf ein sattes Land, dessen Bewohner den zweifelhaften Luxus haben, sich mit sich selbst beschäftigen zu können und sich die Fragen zu stellen, die uns auch heute stark umtreiben: Wie will ich leben, mit wem, wo, in welchem Beruf? Wie kriege ich meine Sehnsüchte und Träume verwirklicht, auf was muss ich verzichten, was kommt zu kurz – und halte ich das aus? Spiele ich die Spiele mit, angepasstes Mitglied einer optimierten, kapitalistischen Gesellschaftsordnung sein, eine möglichst monogame, erfüllte Beziehung zu führen, das Modell Kleinfamilie zu leben – oder habe ich einen alternativen, abweichenden Entwurf? Darf ich den überhaupt haben und leben? Alle Figuren in Yates Roman haben einen Entwurf von sich und kämpfen mit den Differenzen zu diesem Entwurf.

tip Der Romantitel ist blanker Sarkasmus: Yates zeigt die USA der 1950er-Jahre als enges Spießer-Biotop, in dem alle unter Konformismus-Druck und einer Art Optimismuszwang zu stehen scheinen. Wie schauen Sie heute mit Yates auf diese USA der 1950er Jahre?
Jette Steckel Die 50er Jahre liegen fern und sind uns nah zugleich. Natürlich hat sich die Welt in einem rasanten Tempo gewandelt, aber Spießer-Biotope, Konformismus-Druck und Optimierungszwang erlebe ich heute ebenfalls und von einer wirklich gleichberechtigten, genderfluiden Gesellschaft ohne Diskriminierung und Ausgrenzung sind wir auch noch weit entfernt.

tip Woran scheitert die Ehe von April und Frank Wheeler, den zentrale Figuren des Romans?
Jette Steckel April und Frank Wheeler sehen im Anderen schon bei der ersten Begegnung ein Potential, das sie stark anzieht. Beide erliegen der Projektion, dass sie anders, dass sie etwas Besonderes sind, auch mit und durch den anderen. Beide wollen das Leben intensiv spüren, beide träumen von Europa als einem Ort der Selbstverwirklichung und Freiheit. Doch ein erstes Kind, Franks Bereitschaft, einen öden Job anzunehmen, ein zweites Kind und das sich daraus wie zwangsläufig ergebende Leben in einem Vorort machen den gemeinsamen Wünschen einen Strich durch die Rechnung. Während Frank sich mit diesem Leben zu arrangieren beginnt, leidet April zunehmend und ersinnt den Plan, als Familie nach Paris auszuwandern. Mit einer dritten ungewollten Schwangerschaft und dem
Scheitern des Paris-Plans wird offenbar, dass April und Frank sich schon sehr weit voneinander entfernt haben, dass sie sich ineinander getäuscht haben, dass es keine gemeinsame Vision für ein zukünftiges Leben gibt, mit dem beide zufrieden wären – und April zieht aus dieser Erkenntnis eine tragische und radikale Konsequenz.

Zeiten des Aufruhrs, Foto: Arno Declair

tip Scheitern Ehen heute aus ähnlichen Gründen?
Jette Steckel Die Liebe ist nach wie vor ein Schlachtfeld. Und nach wie vor stellt sich die Frage, wie man die Liebe organisiert. Die Weiblichkeits- und Männlichkeitskonstrukte mit den dazugehörigen Bildern und Rollen, die im Roman thematisiert werden und auf die Yates einen erstaunlich modernen, geradezu feministischen Blick hat, wurden in den letzten Jahrzehnten natürlich hinterfragt und reflektiert, aber stereotype Zuschreibungen sind ja nicht verschwunden und spielen oft genau dann eine Rolle, wenn man eine Familie gründet: Wer bleibt zuhause, wer geht arbeiten, wer fühlt sich für was verantwortlich. Ein detaillierter Blick in den Alltag heterosexueller Paare zeigt, dass latente Männlichkeits- und Weiblichkeitsnormen in den Aushandlungsprozessen des Alltags und in der Aufrechterhaltung der Geschlechterordnung ein wichtiger Faktor mit großem Konfliktpotenzial sind.

tip Hat sich seit den 1950er Jahren wirklich nichts verändert?
Jette Steckel Rein äußerlich sind wir einen ganzen Schritt weiter als die Wheelers 1955. Es ist für Frauen in unseren Breitengraden leichter, den Beruf zu ergreifen, in dem sie arbeiten wollen, aber die Rolle der Frau und Mutter hat sich kaum verändert. Nur manchmal spielt sie heute eben auch der Mann. Mindestens einer macht jetzt einfach beides. Einen unbezahlten Job, das Aufziehen von Kindern, und einen bezahlten, der einen unabhängig macht. Meistens ist das zuviel. Verdient man aber nicht zusätzlich Geld, macht man sich abhängig. Auf der anderen Seite wird das Beziehungsleben freier, man muss sich zunehmend weniger stark binden. Kein Teil kann sich also entschließen, in der vollkommene Abhängigkeit vom anderen der Familie zu dienen, und so geraten Mann und Frau in einen Kampf um ihre Rechte jenseits der Familie und werden zu Feinden und gegenseitigen Unterdrückern. Und die Kinder stehen dazwischen. Das Aufziehen von Kindern und Bestreiten des Haushaltes müsste ein Einkommen bringen, dann würde sich einiges ändern können. Aber noch ist diese Arbeit anscheinend weniger wert.

tip Der Roman beginnt damit, dass April Wheeler von einer Theaterprobe kommt. Ihre Schauspielambitionen scheitern, trotzdem hat man dauernd das Gefühl, dass die Romanfiguren in ihrem sozialen Leben eine Art Dauertheater aufführen. Macht das den Roman attraktiv für eine Theateradaption?
Jette Steckel Die Tragödie, die April mit ihrer Amateurtruppe aufführt, erweist sich als eine Vorlage für die Tragödie ihres eigenen Lebens. Sie spielt darin unfreiwillig die Hauptrolle. Die Figuren tragen soziale Masken, in graduellen Abstufungen: Ist man als Paar unter vier Augen, trifft man sich mit den Nachbarn, ist man mit den Kolleginnen und Kollegen auf der Arbeit – und was passiert, wenn man allein ist und endlich unbeobachtet?

Termine: Deutsches Theater Schumannstr. 13a, Mitte, 12 – 48 €

Mehr über Cookies erfahren