Theater

Wiglaf Droste über den Aschermittwoch in der Arena

wiglaf_drostetip Sie sind vor einiger Zeit von Berlin nach Leipzig gezogen. Gibt es irgendwas an Berlin, das Sie vermissen?

Wiglaf Droste Nicht dass ich wüsste.

tip Dann hat Sie die Berliner Image-Kampagne mit dem schönen Slogan „Be Berlin“ vermutlich nicht sehr beeindruckt.

Droste Image-Kampagnen sind immer peinlich. Ich stamme gebürtig aus einer Stadt, die einmal mit dem Slogan „Hin- und Herford“ für sich werben wollte; das ist nicht ohne unfreiwillige Komik. „Be Berlin“ klingt, als wolle man jemanden dazu auffordern, es für einen Beruf zu halten, Berliner zu sein. Vielleicht deshalb, weil es eine andere Arbeit in dieser Stadt nicht gibt? Sich darauf zu reduzieren, dass man in einer bestimmten Stadt wohnt, ist nicht sehr aufregend. Solche Identitätsangebote haben immer dann Konjunktur, wenn sonst nichts im Angebot ist: Wenn man schon nichts zu bieten hat, soll man sich wenigstens dafür toll finden, in Berlin zu wohnen.

tip Sind Sie froh, dieser Berliner Selbstbeweihräucherung entflohen zu sein?

Droste Ach, ich habe ja selbst fast ein Vierteljahrhundert in Berlin gewohnt. Die Berliner Eigenheiten und Aufgeregtheiten werden nicht dadurch interessanter, dass sie sich ständig wiederholen. Insbesondere nicht, wenn sich dieses Berlinertum noch mit anderen notleidenden Milieus wie der Kulturindustrie verknüpft, wenn also zum Beispiel darbende Musikkonzerne ihr Heil im Umzug nach Berlin suchen. Wenn gar nichts mehr geht, gilt Berlin offenbar als letzte Rettung. Fairerweise muss man sagen, dass Berlin diese Hypes immer halbwegs unbeschadet überstanden hat, das tropft so ab. Aber offenbar bietet sich diese Stadt immer wieder als Projektions- und Ausstellungsfläche an, die junge Menschen magnetisch anzieht. Wenn man das drei, vier Mal erlebt hat, weiß man, dass das noch öfter kommt und dass man durch diese Wiederholungsschleifen nicht noch ein weiteres Mal hindurch muss.

tip Läuft das nicht alles parallel? Manchmal hat man den Eindruck, als wären all die kulturindustriellen Spektakel und die subkulturellen Dress- und Gesinnungscodes längst vom Rest der Welt abgekoppelt und in der puren Selbstreferenz gelandet.

Droste So ist es. Politik, aber auch große Bereiche von Kultur und Subkultur kommen nur noch als ihre eigene Inszenierung und Selbstbespiegelung vor. Die einzige Idee, um die es noch geht, ist, den Endverbrauchern irgendwas zu verkaufen. Und daneben leben Leute, die das schlicht nicht mehr interessiert und die ein sou­veränes Metropolen- oder meinetwegen auch Dorfleben führen.

tip Sie treten beim „Politischen Aschermittwoch“ in der Arena unter anderem mit Horst Evers und Arnulf Rating auf. Nun beschreiben Sie in Ihrem schönen Buch „Im Sparadies der Friseure“ alles, was man über die Zumutungen des politischen Kabaretts wissen muss. Zitat: „Nicht minder abstoßend als kriminelle Banker und ihre Machenschaften sind allerdings Kabarettisten, die ihre vorhersehbare Gratismoral absondern und daraus bonitätsgewinnlerisch Kapital schlagen“ – ein Phänomen, das man übrigens nicht nur im Kabarett, sondern auch im Theater regelmäßig besichtigen kann. Sie schlagen eine elegante Lösung für dieses Problem vor: „Kann man die Kabaret­tisten nicht rund um die Uhr mit den Bankern zusammenketten, auf dass sie einander wechselseitig die verdiente Strafe sind?“ Was unterscheidet den „Politischen Aschermittwoch“ vom Rechthaberkabarett?

Droste Dieses Selbstbestätigungskabarett mit der Mitteilung, dass alle im Saal gute Menschen seien, und draußen wohne irgendwo das Böse, am besten in Gestalt irgendwelcher Politiker, hat sich weitgehend totgelaufen. Diese Belästigungen finden vor allem im Museum öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten statt, wo Leute auftreten, die es schon lustig finden, Politikernamen aufzusagen und mit beliebigen Bemerkungen zu verbinden. In Wirklichkeit lohnt es sich schon lange nicht mehr, sich Politikernamen zu merken. Aber für mich ist der Kabarett-Begriff noch nicht verschmutzt. Ein großer Künstler wie Josef Hader zum Beispiel spielt bei seinen Auftritten ein Ein-Mann-Welttheater, und darum geht’s. Beim „Politischen Aschermittwoch“ tritt Arnulf Rating auf, jemand, der für mich immer noch für Die Drei Tornados steht. Die haben in den 80er Jahren meine Vorstellung von bewusstseinserweiternden und vor allem bewusstseinserheiternden Bühnenauftritten geprägt.

tip Was ist für Sie überhaupt politisches Kabarett?

drosteDroste Es geht uns beim „Politischen Aschermittwoch“ ganz sicher nicht darum, Leute in ihren Meinungen über die Weltlage zu bestätigen. Politik ist ein Medienfake. Seit der Gründung der Grünen wird Politik mit gratismoralischem Gekeife verwechselt. Wenn Politik von ihrer medialen Inszenierung nicht zu trennen ist, reicht es nicht, im Kabarett einfach mit ein paar Politikerzitaten zu hantieren. Man muss die ganze mediale Inszenierung reflektieren und mit einrechnen, wenn einem das nicht zu langweilig ist. Interessant wird es wirklich erst, wenn man die Inszenierung, den polierten Schein, entzaubert und zum Beispiel die Politikersprache seziert. Es gibt eine Schaumsprache, die sich aufplustert, und es gibt eine Defensivsprache, hinter der man sich versteckt. Nichtigkeiten werden aufgepumpt, und Substanzielles, so es vorhanden ist, wird kaschiert, was daran liegen könnte, dass Substanzielles in der Politik leicht ins Kriminelle übergeht.

tip Sprache und die Lügen, die sie transportiert, interessieren Sie – nicht umsonst unternehmen Sie in Ihrem letzten Buch „eine kleine Sprachkritik“. Was macht die Phrasen der öffentlichen Rede für Sie so interessant?

Droste Sprache, gerade wenn sie etwas vernebeln will, ist verräterisch und zeigt mehr vom Sprecher, als ihm lieb sein kann. Deshalb ist es ja auch Unsinn, wenn ein „Unwort des Jahres“ gekürt wird. Es gibt keine Unwörter, sondern nur Wörter. Selbst ein Sprachungetüm wie das „Wachstumsbeschleunigungsgesetz“ der Bundesregierung ist einfach nur ein Wort, und zwar eins, das sich selbst sofort entlarvt. Es klingt ja so, als wäre es aus einem Fünfjahresplan der DDR exhumiert worden. Weshalb muss man es als Unwort des Jahres geißeln, wenn jemand von einem „betriebsratsverseuchten Unternehmen“ spricht? Ganz im Gegenteil: Man muss es doch begrüßen, wenn Unternehmer zur Abwechslung mal erstaunlich ehrlich sagen, was sie von Gewerkschaften und Betriebsräten halten. Diese Sprache sagt alles. Es genügt völlig, wenn man einfach zuhört, dann weiß man, mit wem man es zu tun hat.

tip Als Polemiker entsorgen Sie den Müll, als Dichter schreiben Sie zarte Gedichte und Betrachtungen. Seit längerem sind Sie da angekommen, wo deutsche Dichter, wenn Sie es zum Klassiker gebracht haben, landen: im Reclam-Verlag, gleich neben Goethe und Robert Gernhardt – Glückwunsch.

Droste Danke. Reclam gibt ja bekanntlich das kleine Gelbe heraus, und das kleine Gelbe ist in der Literatur das, was in der Mode das kleine Schwarze von Chanel ist – unwiderlegbar klassisch, und das bei Reclam auch noch für kleines Geld. Wichtig ist ja auch, was ein Verlag nicht verlegt. Bei Reclam ist zu meiner Freude noch nie ein Buch von Durs Grünbein erschienen, der ja erstaunlicherweise als Dichter gilt. Wie sagte mein Freund Günther Willen in Oldenburg kürzlich so schön: Durs ist schlimmer als Reimweh.

Interview: Peter Laudenbach

Foto: Ingo Pertramer, Erik Heier

 

Politischer Aschermittwoch
in der Arena, Mi 17.2., 20 Uhr; Tickets www.tip-berlin.de/tickets

Wiglaf Droste „Im Sparadies der Friseure. Eine kleine Sprachkritik“,Edition Tiamat, 144 Seiten, 12 Ђ

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