Theater

William Forsythe bei Foreign Affairs 2013

Forsythe_company_siderSollte es jemand noch nicht in die „Hüpfburg“ im Schöneberger Lokschuppen geschafft haben, ins aufblasbare, schneeweiße, gemütlich gepolsterte „White Bouncy Castle“ des genialischen Choreografen William Forsythe? Forsythe ist eine Legende, zu der jedem Kenner ein paar Schlagworte einfallen: Ja, ja, damals, da war er eine Riesennummer, der Mann, der in Frankfurt am Main das Ballett revolutionierte, dieser unerschrockene Maestro, dessen Frühwerk sogar die ehrwürdige Semperoper in Dresden in ihrem Repertoire aufbewahrt. Aber wo sind die Zeiten hin, da man am Ferrari-Schlüssel demon­strativ die Ballett-Frankfurt-Card in Gold trug, um seinen Ärzte- oder Anwaltskollegen zu zeigen, dass man auf der Höhe der Zeit war? Seit 2005, seinem Rausschmiss als Frankfurter Ballettdirektor, seitdem gehört die Forsythe Company zu den freien, also vogelfreien Tanzgruppen. Und seitdem …

Seitdem sei er komisch geworden, verrückt, natürlich auch frei. Nehmt nur For­ sythes Kunststück „I Don’t Believe in Outer Space“. Wir linsen zwischen Brettern in einen Raum, in dem Tänzer durch Fotos dargestellt sind und hinter ihren Bildern genauso verschwinden wollen wie Filmstars hinter ihrer Hollywood-Fassade. Gleich danach tanzen sie vor Dolby-Surround-Breitwand – ganz großes Kino. Immer wieder hämmert Gloria Gaynors Disco-Klassiker „I will survive“, aus dem die titelgebende Zeile stammt. Ein Exliebhaber kommt zurück zu seiner Geliebten, und sie schickt ihn auf den Mond, in jenen „outer space“, als gäbe es irgendwo noch einen Raum hinter dem Raum. Forsythes Lieblingsprotagonistin Dana Caspersen beschreibt die Gebärden eines unsichtbaren David-Lynch-Helden, während 17 Tänzer diese Filmgesten mittels Line-Dance imitieren. Das Publikum lacht, als säße es im Kino, nicht vor seinem Ex-Guru Forsythe, der statt Ballett die große Kinogeschichte einer Dekonstruktion unterwirft. Dekonstruktion, das war doch schon in Frankfurt seine ganz feine Methode, hinter die Methoden zu schauen.

Und die steigert Forsythe noch in „Sider“. Jetzt ist nicht Kino, jetzt ist Shakespeare dran, das elisabethanische Theater, als es noch keine Regisseure gab, sondern die Darsteller sich gegenseitig die Rollen weitergaben und ihre Texte durch den Rhythmus memorierten. Was passiert, wenn man Text durch Rhythmus ersetzt? Es bleibt Shakespeare – getanzt. Hamlets berühmtes „To be or not to be“ wird ein kurzweiliges „Is, and isn’t“, auf schlichten Pappschildern hergezeigt, auf die man auch wunderbar klopfen und schlagen kann: die Geburt des Theaters aus dem Tanz. 

Text:  Arnd Wesemann
Foto: Dominik Mentzos

White Bouncy Castle
Lokhalle Schöneberg, Naturpark Schöneberger Südgelände,
28.6.?–?14.7.,
Di, Mi, Fr 14?–?19.30 Uhr; Sa, So, 12?–?18 Uhr

Suspense/The Defenders Part 3
Filme, Kunstwerke, 28.6.?–?14.7.,
Mi?–?Mo 12?–?19 Uhr, Do 12?–?21 Uhr

I don’t believe in outer space
Fr 5.?+?Sa 6.7., Haus der Berliner Festspiele, 20.30 Uhr

Sider
Haus der Berliner Festspiele,
Di 9.7., 20.30­  Uhr; Mi 1.7., 21 Uhr, Karten-Tel. 25 48 91 00

 

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