Theater

„Winterreise“ am Deutschen Theater

WinterreiseDie bisherigen Inszenierungen des Regisseurs Andreas Kriegenburg am Deutschen Theater gaben nicht unbedingt Anlass zur Vermutung, er könnte sich ernsthaft für die Abgründe komplizierterer Texte interessieren. Bestenfalls, wie bei Dea Lohers Gegenwarts-Parlando „Diebe“, waren Kriegenburg-Inszenierungen gefällig arrangierte, hübsch ausgeleuchtete Seifenblasen, die spätestens beim Schlussapplaus rückstandsfrei zerplatzten. Schlimmstenfalls waren sie Missverständnisse und Feiern des Kunstgewerbes, mit denen der Regisseur vor allem sein Desinteresse an den schwierigeren, womöglich schmerzhaften Aspekten der weginszenierten Textvorlagen („Homburg“, „Sommernachtstraum“, „Herz der Finsternis“) demonstrierte. Um so erstaunter war man, dass dieser Wohlfühlregisseur zur Spielzeiteröffnung am DT ausgerechnet den neuen Text von Elfriede Jelinek inszenieren wollte, eine, um es vorsichtig zu sagen, nicht ganz unkomplizierte Dichterin, deren Textproduktion trotz hohem Kalauer-Output beim Wohlfühlfaktor entschieden gegen null tendiert.

„Winterreise“ ist ein Hauptwerk Jelineks, ein vielschichtiger Text, in dem sie Motive aus Schuberts und Wilhelm Müllers Lied-Zyklus „Winterreise“ mit Zeitbeobachtung (der Skandal um die Hypo Alpe Adria, die Kampusch-Entführung, Internet-Sucht), einigen ihrer alten Lieblingshass­objekten (Sportler! Berge!) und sehr persönlichen Themen kurzschließt. Das Schmerzzentrum bildet dabei, neben dem Bewusstsein der vergehenden Lebenszeit, also des Todes, die Erinnerung an den Vater und dessen Alzheimer-Erkrankung: „Mein Verstand verschwindet in dieser Krankheit, das ist schwer zu leugnen.“ Die Form, die Jelinek dafür wählt, ist ein hoch konzentriertes Stimmen-Palimpsest, ein Ineinander der Bewusstseins- und Assoziationsströme, das einen gefährlichen Sog entwickelt. Gerade diese ungemein dichte, komponierte Form ermöglicht es erst, sich sprechend, schreibend den Schmerzzentren zu nähern: die verdichtete, verdichtende Form als Schutz und als Gefäß, das Erfahrung festhält. Man konnte gespannt sein, wie Kriegenburg sich der Aufgabe stellen (oder: entziehen) würde, sich mit diesem Text auseinanderzusetzen.

Schon das erste Bild ist, sagen wir: bemerkenswert. Auf einer prächtig blühenden Wiese steht vorne eine kleine Bank und hinten ein großer Flügel (Bühne: Nikolaus Frinke), an dem die Fernsehschauspielerin Maria Schrader ziellos einige Töne anspielt, kurz versucht, die ersten Takte der „Winterreise“ zu erwischen, um dabei aber wie eine Klavierschülerin (die die junge Jelinek ja auch einmal war) immer wieder hängen zu bleiben, bis sie schließlich aus dem Off von Dietrich Fischer-Dieskau und Gerald Moore erlöst wird: „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus.“ Wer weiß, vielleicht soll der blühende Flieder auf der Wiese vor dem Flügel ein Verweis auf die nächsten Liedzeilen sein: „Der Mai war mir gewogen, mit manchem Blumenstrauß.“ Rätsel über Rätsel. Zumal es in der „Winterreise“ wie in Jelineks Text doch um das Gegenteil geht: Um die Vereisung der Gefühle und um das momenthafte, schmerzhafte Aufbrechen dieser Vereisung. Weil das auch dem Regisseur nicht verborgen geblieben ist, muss Judith Hofmann irgendwann bedeutungsschwer mit einem Eisblock hantieren, ihn umarmen oder sich das schmelzende Eis aufs Gesicht tropfen lassen. Nun ja.
Ähnlich funktioniert leider der ganze Abend.

Die fünf Darstellerinnen (neben der wie immer großartigen Judith Hofmann sind es Maria Schrader, die tolle Annette Paulmann, Anita Vulesica und Susanne Wolff) teilen sich Jelineks Texte untereinander auf oder machen sie zu größeren Monologen. Was bei Maria Schrader, die den Part übernimmt, vom kranken Vater zu berichten, in ihrem Hang zum Kitsch, zum Gefühlsbad, zum Schmerztremolo, schwer erträglich ist. Unwillkürlich denkt man bei ihrem so unreflektierten wie unterkomplexen wie gnadenlos eindimensionalen Spiel an Renй Polleschs Formulierung von der „authentischen Kuh“, als welche er leider manche Darstellungskünstlerin erlebt. Schlimmer sind nur Kriegenburgs Regieeinfälle, mit denen er seine Damenriege in schöner Regelmäßigkeit zu so sinnfreien wie bedeutungsschweren Verrenkungen animiert. Mal muss mit einem Fernrohr ins Nichts geschaut, mal muss sich mit Klebeband umwickelt oder hingelegt und mit den Beinen gestrampelt werden. Auch Brautsträuße werfen, Löcher in die Blumenerde graben, Papier schneiden, sich mit einer Schere den Schenkel ritzen oder mit Kreide das Portal bemalen sind Tätigkeiten, die sich wahlweise zur Illustration des Textes oder als dekorative Beschäftigungsmaßnahmen anbieten.

Den Satz des Abends sagt angesichts des Kriegenburg-Kuscheltheaters Judith Hofmann: „Die Kälte fehlt einem dann doch irgendwie.“ Stimmt.

Text: Peter Laudenbach

tip-Bewertung: Uninteressant

Winterreise Deutsches Theater, 18.9., 19 Uhr, 1.10., 20 Uhr, 3., 26.10., 19 Uhr, Karten-Tel. 28 44 12 21

Elfriede Jelinek: Winterreise
Rowohlt Verlag, 128 Seiten, 14,95 Ђ

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