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Wird die Volksbühne ein ­neoliberales Theater?

Wird die Volksbühne ein ­neoliberales Theater?

Es mag seltsam erscheinen, wenn ein Dramaturg der Schaubühne sich zum designierten Intendanten der Volksbühne äußert. Doch der mit der Berufung des Museumsdirektors Chris Dercon zum Nachfolger Frank Castorfs drohende Eingriff in die Theaterlandschaft ist so groß und die Missverständnisse über die Dimension der Veränderung so zahlreich, dass mir eine solche Äußerung aus dem Inneren eines Berliner Ensembletheaters nötig erscheint. Denn gerade über die Bedeutung des Schauspielersembles kursieren derzeit haarsträubende Vorstellungen.
Die Kunst des Schauspielens bleibt das Zentrum des Theaters, zumindest solange es sich noch nicht zur armen Schwester der bildenden Kunst gemacht hat. Das feste Theaterensemble war und ist nicht nur ein hart erkämpfter Schutz vor prekären Arbeitsverhältnissen, sondern es ist vor allem der einzige Ort, an dem die Kunst des modernen Theaters sich entwickeln kann. Was wir mit der gemeinsamen Spielweise meinen und was jeder Zuschauer sofort erkennt oder vermisst, entsteht durch langjährige gemeinsame Arbeit auf der Bühne.
Wer behauptet, die Volksbühne hätte nur noch elf fest angestellte Schauspieler, unterschlägt, dass die Spielweise des Volksbühnenensembles legendär ist. Und jeder neue Kollege, jede neue Kollegin weiß, auf was er oder sie sich dort einlässt. Es ist immer wieder ein Abenteuer, dabei zu sein, wie sie ihren Umgang mit dem Volksbühnenstil suchen und finden. Das Ensemble der Volksbühnenspieler umfasst sehr viel mehr als elf Schauspieler – zum Beispiel alle Künstler, die von der gemeinsamen Arbeit an diesem Theater geprägt wurden und werden. Damit eine so unverwechselbare Radikalität im Zusammenspiel entstehen kann, braucht es Zeit und eine künstlerische Leitung, die eine solche Entwicklung möglich macht. Eine zusammen­engagierte Gruppe von Künstlern ist – anders als Chris Dercon offenbar glaubt – noch lange kein Ensemble.
Die Berufung eines metierfremden Kurators an das Theater, das über eines der legendärsten Ensembles der Welt verfügt, hat symbolische Bedeutung. Es ist vergleichbar mit dem Eingriff, den es bedeuten würde, wenn man David Bowie zum Leiter der Berliner Philharmoniker oder Wolfgang Petersen als Regisseur von „Troja“ zum Direktor des Pergamonmuseums machte. Beides würde sicherlich von schlecht informierter Seite als überfällige Öffnung alter Institutionen begrüßt. Genau diese Reaktionen sind nun auch bei der Berufung Chris Dercons zu hören.
Wir leben noch immer in der Epoche der postmodernen Zitatkultur. Innovation gehört zum Grundmotor der kapitalistischen Wirtschaft. Fortschritt berechnet sich nach den neuen Produktzyklen von Apple und Co. Flexibilität und Vernetzung sind die Zauberworte, mit denen der Zwang, sein Leben im Takt der Moden und Arbeitsanforderungen immer neu erfinden zu sollen, veredelt wird. Der Neoliberalismus hat die permanente Revolution aller Lebensbereiche zur Regel erklärt.
Wenn Chris Dercon sich nun kokett darüber beklagt, dass er bei den Reichen in London das Geld für seine politische Kunst organisieren muss, und zugleich Matthias Lilienthal, der ihn wegen dieser Koketterie kritisiert, zurechtweist, die Reichen in London seien das ehrlichere Bild des Kapitalismus als die staatlich geförderten Theater in Deutschland, dann wird das verquere Weltbild wie das nicht ganz ehrliche Selbstbild dieses durch und durch neoliberal agierenden Kurators deutlich.
In der Arte-Sendung „Durch die Nacht mit Chris Dercon und Matthias Lilienthal“ war dieses bezeichnende Gespräch der beiden Kulturmanager zu bewundern. Dercons Stolz darauf, mit seinem provokativen Kunstangebot bei den Reichen so beliebt zu sein, ist nicht zu übersehen. Verwunderlich ist dieser Erfolg nicht. Für Radical Chic zahlt der Kunstmarkt gerne hohe Preise.
Interessanter ist Dercons missglückter Versuch, das Geheimnis neoliberaler Kunst zu verbergen. Die linke, radikale Pose funktioniert lediglich als Aufmerksamkeitsverstärker. Kein Wunder, dass die hundertjährige Geschichte der proletarischen Volksbühne der Traum dieses postmodernen Kurators ist. Ein Lippenbekenntnis bleibt jedes Herunterbeten ihrer Geschichte, wenn zugleich die Zerschlagung ihrer Strukturen als notwendige Innovation gefeiert wird. Den linken Parolen zum Trotz folgen die künstlerischen Produktionsverhältnisse dann wieder der herrschenden Ideologie.
Die vielen charmanten Interviews von Chris Dercon machen mich skeptisch. Der Gestus des freundlichen Zuhörers, der niemandem zu nahe treten will und mit allen Diskurswassern gewaschen ist, könnte kaum in einem größeren Widerspruch zur Renitenz eines Frank Castorf stehen. Die Arbeit des Kuratierens hinterlässt eben genauso wie die Arbeit des Regisseurs ihre Spuren.
Wessen Beruf darin besteht, die unterschiedlichsten Energien und Phantasien geschmeidig zu vernetzen, der agiert als reaktionsschnelle Servicekraft des Betriebs in der Aufmerksamkeitsökonomie des Marktes. Doch wer keine Fehler machen will, macht in der Kunst bekanntlich den allergrößten Fehler. Gelenkige Vernetzung kann kein unverschämtes Theater erzeugen.
Dass die regierenden Herren Müller und Renner Neulinge im Theatergetriebe sind, ist offensichtlich. Dass sie dann aber eine so weitreichende Entscheidung ohne öffentliche Diskussion allein mit ihrer Amtsmacht durchsetzen, ist bitter. Dass sie den Vorschlag, wenigstens eine Expertenkommission zu befragen, mit der Behauptung zurückweisen, eine solche habe man nur nötig, wenn man selbst keine Ideen hat, ist arrogant.
Eine Idee hatten die beiden, aber sie wissen nicht, was sie bedeutet. Sie und ihr Kurator folgen wie einem pawlowschen Reflex dem Motto der Postmoderne: Wir haben nichts zu sagen, aber das sieht sehr schön aus.

Text: Bernd Stegemann 

Foto: Jean-Pierre Dalbйra / flickr.com / CC BY 2.0

Buchpremiere: ?Lob des Realismus Bernd Stegemann im Gespräch mit ?Kathrin Röggla; Akademie der Künste am Pariser Platz, Mi 13.5., 19 Uhr

Bernd Stegemann ist Professor für Dramaturgie an der Schauspielschule
Ernst Busch und Dramaturg an der Schaubühne. Sein Buch „Kritik des
Theaters“ untersucht, wie  neoliberale Ideologie das Theater prägt und
gilt als Standardwerk. Im Mai erscheint sein neues Buch „Lob des
Realismus“ (Verlag Theater der Zeit).

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