Kultur

Wolfram Lotz im Fokus



Unter anderem treten auf: ein somalischer Freibeuter, der ein Diplom­studium der Piraterie an der Hochschule von Mogadischu absolviert hat und der als Angeklagter vor dem Hamburger Landgericht erklärt: „Der Einfachheit halber spreche ich Deutsch mit Ihnen, bitte verstehen Sie das.“ Ein italienischer Blauhelmsoldat, der sich bereits im Alter von fünf oder sechs Jahren eingestehen musste, dass ihm „die Scheiß­drogen meine Kindheit versaut hatten“. Und ein sprechender Papagei, der mit ruhiger, keineswegs krächzender Stimme berichtet: „Gar nicht weit von hier wurde vor knapp zweieinhalb Wochen ein Linienbus von einer Granate getroffen.“
Der Text „Die lächerliche Finsternis“ des Dramatikers Wolfram Lotz, in der Wiener Inszenierung des Regisseurs Duљan David Pa?нzek zum Berliner Theatertreffen eingeladen, führt mitten hinein in ein irrlichterndes Kriegs- und Krisengebiet, zusammengesetzt aus Bilderscherben der globalen Gegenwart. Im Wesentlichen beschreibt Lotz die Fahrt zweier Bundeswehrsoldaten mit einem Patrouillenboot den Hindukusch hinauf. „Hier sagen die Leute: ‚Der Hindukusch ist doch kein Fluss, das ist ein Gebirge.‘ Die Leute sehen was im Fernsehen und glauben es einfach und meinen dann zu wissen, dass der Hindukusch ein Gebirge ist“, lässt er Hauptfeldwebel Oliver Pellner dazu lakonisch kommentieren. Als Folie dieser Unternehmung dienten Joseph Conrads Roman „Herz der Finsternis“ und Francis Ford Coppolas darauf basierender Viet­namkriegsfilm „Apocalypse Now“. Wobei „Die lächerliche Finsternis“ – ursprünglich nicht als Theaterstück, sondern als Hörspiel gedacht – viel mehr schafft als bloß eine Überschreibung dieser popkulturell aufgeladenen „Der Horror, der Horror“-Storys.
Der Plot ist für ihn „eine Reise aus der Zivilisation in die Wildnis“, sagt Lotz im Gespräch mit dem tip. Aber diese Reise hat nicht zum Ziel, exotischen Grusel zu verbreiten. Sie will vielmehr offenlegen, dass wir „insgeheim immer noch unseren westlichen Denkbewe­gungen folgen, wenn wir uns Ländern wie Afghanistan oder Somalia zuwenden“. Die medial erzeugten Projektionen von Elend, Barbarei und Finsternis sind uns dabei stets voraus. „Mit diesen Bildern“, so Lotz, „treten wir vor das Fremde.“ Entsprechend geht es bei ihm nicht um die Verhältnisse in Afghanistan. Sondern um unser Verhältnis zu dem Land, in dem wir Krieg führen. Der wiederum ist Wirklichkeit. Und wenn man die ins Theater holen will, steht man vor einem Problem.
„Die Darstellung von Krieg ist ja der Ex­trem­fall der Unfähigkeit, Realität abzubilden“, sagt Lotz. „Wenn Sie einen Baum nicht darstellen können, ist das zwar ärgerlich, aber nicht schlimm. Wenn Sie dagegen vorgeben, den Krieg darzustellen – und das ist in seinem Schrecken unmöglich –, dann ist das eine Verharmlosung.“ Im Bewusstsein dieses ziemlich prinzipiellen Dilemmas findet der Dramatiker den denkbar klügsten Weg: Alle Gewalt ist bei ihm lediglich als Erzählung anwesend. Durch den Händler Stojkovi? vom Balkan zum Beispiel, der unter anderem laktosefreien Ziegenkäse und Kleintier­streu im Angebot hat. Und der mäandernd vom verheerenden Einschlag einer Nato-Präzisionsbombe berichtet. Was genau wie die Selbstauskunft des Piraten zu Beginn („Ich bin ein schwarzer Neger aus Somalia“) den Zuschauer zwingt, sich irgendwie zu dieser Geschichte zu verhalten. Lotz lässt keine Konflikte lösen. Er macht sie fürs Theater erlebbar.
Wiener Schmäh mit Wucht
So intelligent sein Text ist – so wenig schützt das freilich vor dummen Inszenierungen. Natürlich habe er Angst gehabt vor unreflektiertem „Verkörperungs­theater“, bekennt Lotz. „Wenn Schauspieler sich den Tropenhelm aufsetzen und das Stück vor Palmenzweigen im Hintergrund spielen, geht das schrecklich nach hinten los.“ Die Wiener Version von Duљan David Pa?нzek vermeidet aber staunenswert trittsicher alle möglichen Umsetzungsfallen. Begonnen damit, dass der Regisseur ein reines Frauen­ensemble die Männerrollen spielen lässt. Besonders die junge Schauspielerin Stefanie Reinsperger, die den Eingangsmonolog als somalischer Pirat in breitem Wiener Schmäh hält, ist eine Wucht. Schon mit der Besetzung gelinge es Pa?нzek, „die Identität von Körper und Rolle aus dem Gespräch zu nehmen“, analysiert Lotz.
Wobei man betonen muss, dass der Autor dazu neigt, den Theaterbetrieb extrem zu fordern. Um nicht zu sagen: überfordern. So steht beispielsweise in seinem viel gespielten zweiten Stück „Einige Nachrichten an das All“ der CDU-Politiker Ronald Pofalla neben Heinrich von Kleist auf der Liste der auftretenden Personen. Und verhandelt werden unter Setzung von 64 Fußnoten Fragen der Art, ob sich der Tod überwinden lässt. Zugleich ist Lotz aber ein extrem großzügiger Autor, was die Umsetzung seiner Werke betrifft. „Ich verstehe nicht, wie Dramatiker darauf kommen, das Theater als Dienstleistungsgewerbe zu sehen“, sagt er nur. „Meine Texte sollen widerstandsfähig sein. In dem Sinne, dass sie möglichst viel Auseinandersetzung einfordern.“ Wenn sich beispielsweise ein Schauspieler weigere, eine Passage zu sprechen, die er für falsch hält, und stattdessen eine neue schriebe, die für ihn stimmiger ist, „dann entspricht das meinem Text“.  
Dass Lotz’ Arbeiten gerade zu Beginn seiner Karriere oft missverstanden wurden, wundert nicht wirklich. Etwa bezüglich ihres Ironiebegriffes. Ein zentraler Punkt. Denn seine Stücke sind stets auf ihre ganz eigene Weise sprühend komisch. Für Lotz meint Ironie eben nicht: „Man sagt etwas, meint es aber nicht so“. Sondern: „Man sagt etwas, das man auch für andere Perspektiven öffnet. Meint es aber unbedingt so“. Es gebe in seinen Texten auch „die sentimentalen, sehr ernsten Stellen“, auf die zumeist ein Bruch folge. Der habe aber keineswegs die Funktion, das Vorangegangene zu relativieren. Von diesem freien Nebeneinander lebt Lotz’ Theater.
Der somalische Pirat, der laut Selbstauskunft als Kind immer gesagt hat: „Es ist mir ganz gleichgültig, was aus mir werden wird, ihr könnt mir mal alle den Arsch ölen“, fährt auf einem Boot, das den Namen „Hoffnung“ trägt.

Wolfram Lotz, geboren 1981 in Hamburg, ist im Schwarzwald aufgewachsen. 2010 gewann er den Werkauftrag des Stückemarktes beim Berliner Theatertreffen für seinen Text „Der große Marsch“. 2011 wurde er in der Kritikerumfrage der Zeitschrift „Theater heute“ zum Nachwuchsdramatiker des Jahres gewählt und gewann den Kleist-Preis. Lotz hat am Literaturinstitut Leipzig studiert und zusammen mit dem Autor Hannes Becker die Texte „Das unmögliche Theater“ und „27 Forderungen an das Theater“ verfasst. Sein Stück „Die lächerliche Finsternis“, geschrieben 2013, steht momentan unter anderem am Burgtheater Wien, am Thalia ­Theater Hamburg sowie am Deutschen Theater Berlin auf dem Spielplan.   

Text:
Patrick Wildermann

Foto: Reinhard Maximilian Werner

Haus der Berliner Festspiele Mi 13.5., 20 Uhr, Do 14.5., 19 Uhr, ?Karten-Tel. 25 48 91 00

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