Theater

Im Gespräch: Sabine Bangert von den Grünen

Sabine Bangert, kulturpolitische Sprecherin der Berliner Grünen

Frau Bangert, Sie werfen Klaus Wowereit vor, er spalte die Berliner Kulturszene. Den Haushaltsentwurf des Senats nennen Sie „desaströs für die Freie Szene, die zurecht mehr finanzielle Mittel für ihre herausragende Arbeit einfordert.“ Geht es ein bisschen genauer?
Sabine Bangert: Klaus Wowereit und sein Kulturstaatssekretär Andrй Schmitz betreiben in der Kultur seit Jahren eine Problemvermeidungspolitik. Sie agieren konzeptlos, vor allem bei der Freien Szene. Wowereit scheint nicht zur Kenntnis zu nehmen, dass sich die Berliner Kultur jenseits der institutionell geförderten Einrichtungen in den letzten Jahren gravierend verändert hat. Die stark gestiegene auch internationale Bedeutung der Freien Szene wird im Haushaltsentwurf in keiner Weise berücksichtigt. Die Freie Szene hat seit Jahren massive Probleme, wichtige Einrichtungen wie die Neuköllner Oper sind in keiner Weise finanziell adäquat ausgestattet. Das scheint Herrn Wowereit schlicht nicht zu interessieren.
In keiner anderen europäischen Stadt gibt es eine so große, spannende und vielfältige Freie Szene wie in Berlin. Offenbar hat die Politik auch ein paar Sachen richtig gemacht und für die notwendigen Rahmenbedingungen gesorgt. Zu den 10 Millionen Euro, die aus dem Berliner Kulturetat in die Freie Szene fließen, kommen andere Fördertöpfe, zum Beispiel die Lotto-Stiftung, und Bundesmittel aus dem Hauptstadtkulturfonds oder der Bundeskulturstiftung. Kann es sein, dass die Freie Szene auf hohem Niveau klagt?
Wenn Sie sich ansehen, unter welchen wirklich prekären Bedingungen viele Berliner Künstlerinnen und Künstler leben und arbeiten, kann von Klagen auf hohem Niveau keine Rede sein. Beim HKF, dem Hauptstadtkulturfonds, der eigentlich für Projekte der Freien Szene gedacht ist, bedienen sich zunehmend auch große, gut geförderte Institutionen. Ein besonders krasses Beispiel: Gegen das Votum der zuständigen Jury haben Wowereit und Kulturstaatsminister Neumann im vergangenen Jahr der Staatsoper, also ausgerechnet der reichsten, am großzügigsten geförderten Berliner Bühne, 215?000 Euro aus dem HKF zur Verfügung gestellt, damit sie fünf Opernvorstellungen in einem alten Kraftwerk zeigen konnte. Dieses Geld ging der Freien Szene verloren. Bei der Lotto-Stiftung konkurriert die Freie Szene mit vielen institutionell geförderten Akteuren, die sich auch um Lotto-Gelder bemühen.
Stört es Sie, dass zum Beispiel das Deutsche Theater sein Festival Autorentheatertage in den letzten Jahren mit Lotto-Mitteln finanziert hat?
Ich finde, solche Festivals sollten möglich sein. Aber ich wundere mich, dass im aktuellen Haushaltsentwurf erneut Mittel für das Schlosspark Theater eingestellt sind. Herr Hallervorden sagte, als er das Schlosspark Theater übernommen hat – das ihm das Land Berlin übrigens mietfrei überlässt – er wolle das Theater ohne öffentliche Mittel betreiben. Seit vergangenem Jahr bekommt er eine institutionelle Förderung von 230?000 Euro im Jahr. Und weil ihm das nicht reicht, werden aus Lottomitteln in den Jahren 2012, 2013 und 2014 noch jeweils 600?000 Euro draufgepackt. Auch die Boulevardtheater am Kudamm werden seit dem letzten Haushalt institutionell gefördert. Kommerziell betriebene Bühnen werden klammheimlich in die öffentliche Förderung gehoben. Das geht zu Lasten der Gelder für die Freie Szene. Im Haushalt 2012/2013 sollten die Mittel für die Freie Szene um eine Million angehoben werden, davon ging dann die Hälfte an kommerzielle Privattheater.
Wird mit härteren Bandagen gekämpft, wenn sich etwa die Steglitzer CDU für Herrn Hallervorden einsetzt? Sind die Verteilungskämpfe der Berliner Bühnen um Gelder aus den wenigen flexiblen Töpfen deutlich härter geworden?
Das ist sicher so. Wir brauchen mehr Mittel für die Freie Szene, und wir müssen die Strukturförderung verbessern. In der Liegenschaftspolitik hat diese Landesregierung in den letzten Jahren versäumt, Räume für Kunst und Kultur zu sichern. Wir haben mit diesem Haushalt die einmalige Chance, auch durch die geplante Einführung der City Tax, zusätzliche Mittel für die Kultur zu generieren.
Manchmal hat man, bei aller Sympathie für die Freie Szene, den Eindruck, dass es dort nicht an Möchtegern-Künstlern fehlt, die einen nicht ganz uneitlen Milieu-Narzissmus pflegen und sich für die Außenwelt kaum interessieren. Weshalb soll der Rest der Gesellschaft das finanzieren?
Das mag es ja geben. Aber auch an den Staatstheatern ist nicht jede Aufführung ein bedeutendes Kunstwerk. So wichtige Bühnen wie die Sophiensaele, das Ballhaus Naunynstrasse, die Neuköllner Oper oder eine Künstlerin wie Sasha Waltz und ihre Compagnie machen mit sehr bescheidenen Mitteln eine hochqualitative, professionelle Arbeit. Das sind etablierte Bühnen und Compagnien. Die Arbeit in der Freien Szene findet zunehmend unter prekären Bedingungen statt, während an den großen, institutionell geförderten Häusern die Tariferhöhungen weitgehend durch Etaterhöhungen aufgefangen werden. Allein die Opernstiftung bekommt 14,5 Millionen Euro zusätzlich, um die Tariferhöhungen aufzufangen. Das ist auch in Ordnung, aber dann kann es nicht sein, dass die Freie Szene mit weniger als drei Prozent des Kulturetats abgespeist und das Zuwendungsniveau eingefroren wird, wie es jetzt im Haushaltsentwurf des Senats vorgesehen ist.
In der Diskussion um die City Tax hatte man noch vor einigen Monaten den Eindruck, dass in der Politik allgemeine Einigkeit darüber herrscht, dass ein erheblicher Teil, bis zu 50 Prozent, aus diesen Einnahmen in die Freie Szene fließen soll. Auch die kulturpolitischen Sprecher der Regierungsfraktionen SPD und CDU haben das öffentlich unterstützt. Davon ist auf Seiten Wowereits und seines Kulturstaatssekretärs derzeit nicht mehr viel zu hören, oder?
Der Haushaltsentwurf fällt total hinter diese öffentlichen Absichtsbekundungen zurück. Jetzt sind im Haushaltsentwurf bis zu 50 Prozent der City-Tax-Einnahmen für Sport, touristische und kulturelle Projekte vorgesehen. Für die Kultur bleibt also nur ein Bruchteil. Das ist völlig unzureichend. Ich erwarte, dass die Kolleginnen und Kollegen der Regierungskoalition, die sich bei diversen Podiumsdiskussionen sehr deutlich geäußert haben, jetzt zu ihren Versprechen stehen und dafür sorgen, dass 25 bis 50 Prozent aus den City-Tax-Einnahmen in die Freie Szene fließen.
Auch wenn derzeit viele Akteure nicht nur in der Freien Szene von Wowereit und seinem Staatssekretär Andrй Schmitz enttäuscht sind und der Rat für die Künste den Entwurf für den Kulturetat deutlich und undiplomatisch eine „Katastrophe für die Stadt“ nennt – muss man Andrй Schmitz nicht wenigstens zu Gute halten, dass er gegenüber der Freien Szene ausgiebig Dialogbereitschaft bewiesen hat? Das ist ja zumindest als Geste sympathisch.
Es stimmt, im Gegensatz zu Kultursenator Wowereit war Staatssekretär Schmitz immer dialogbereit. Aber der Dialog, wie Schmitz ihn pflegt, beschränkt sich auf unverbindliche Versprechungen und auf Events. Ein besonders apartes Beispiel war der sogenannte K2-Gipfel Ende letzten Jahres. Mit viel Aufwand versammelte Schmitz die in der Stadt wichtigen Akteure der Bildenden Kunst zu einem zweitägigen Workshop im Podewil. Das hat laut Auskunft der Kulturverwaltung einschließlich Dokumentation und Mehrwertsteuer schlappe 60?472 Euro gekostet. Die Zentrale Intelligenz Agentur, die das organisiert hat, stellte 49?434 Euro in Rechnung, die Kulturprojekte Berlin GmbH bekam 11?037 Euro. Ziemlich viel Geld für einen Dialog, der dann absolut folgenlos war – aber Wowereit und Schmitz haben ja ein Geschick darin, die Kunst- und Kulturschaffenden dieser Stadt systematisch zu verprellen. Wenn Schmitz öfter mal in die Uferstudios oder die Sophiensaele gehen würde, wenn er mit den Künstlern der Freien Szene im Gespräch wäre und ihnen zur Abwechslung auch mal zuhören würde, müsste er kein Steuergeld für teure Workshops ausgeben.
Natürlich sieht man Schmitz ab und zu im HAU oder im Ballhaus Naunynstrasse, er lädt auch gerne Künstler zum Gespräch in die Kulturverwaltung ein.
Es bestreitet ja niemand, dass Andrй Schmitz ein netter Mensch ist, dem die Kultur am Herzen liegt. Aber was nützen die netten Gespräche, wenn alles unverbindlich bleibt? Seine Gesprächspartner aus der Freien Szene können sich auf die freundlichen Versprechen von Schmitz nicht verlassen. Am Ende kommt Wowereit mit seiner Basta-Politik, und alle Zusagen von Schmitz sind Makulatur. Schmitz hat, zumindest in der Freien Szene, vielleicht auch darüber hinaus, enorm an Ansehen und Glaubwürdigkeit verloren – unter anderem durch seine unbedachten Äußerungen in einer Boulevard-Zeitung, wo er unnötigerweise ein ziemlich unanständiges Bashing der Freien Szene betrieben hat. Und Schmitzs Chef, Herr Wowereit, immerhin der Kultursenator, tritt kulturpolitisch so gut wie gar nicht in Erscheinung.
Am 16. September steht im Kulturausschuss die zweite Lesung des Kulturetats auf der Tagesordnung. Glauben Sie, dass sich die Regierungskoalition dazu durchringt, den Haushaltsentwurf des Senats zu korrigieren und die Zuwendungen für die Freie Szene zu erhöhen?
Die Kollegen aus der Regierungskoalition müssen sich darüber klar werden, welche kulturpolitischen Akzente sie setzen wollen, oder ob sie sich nur als verlängerter Arm der Landesregierung verstehen. Ich gehe davon aus, dass die City Tax 2014 eingeführt wird, der Finanzsenator plant im Haushaltsentwurf auch schon mit Einnahmen von 25 Millionen Euro. Die Grüne Fraktion wird den Antrag stellen, aus diesen Einnahmen die Zuwendungen für die Freie Szene deutlich zu erhöhen. Die finanziellen Spielräume dafür sind da.

Interview: Peter Laudenbach

Foto: Barbara Dietl

 

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