Theater

„You are here“ im Gasometer Schöneberg

Anna_van_KooiVor einigen Jahren hat der niederländische Regisseur und Bühnenbildner Dries Verhoeven durch das Fenster in die Wohnung seiner Nachbarin geschaut. Ihr Bett stand etwa einen Meter entfernt von seinem. „Kaum ein anderer Mensch verbringt so viele Stunden so nah bei mir wie diese Nachbarin“, sagt Dries Verhoeven. „Sie liegt dort vielleicht krank, trauert oder liebt. Trotzdem wissen wir nichts voneinander.“ Dries Verhoeven hat nicht bei der Nachbarin geklingelt. Er hat eine Theater-Installation entwickelt. „You are here“ wurde bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt, jetzt holt das HAU das Stück nach Berlin: eine gewaltige, 20 Meter hohe Hotel-Kon­struktion, die in den Schöneberger Gasometer gebaut wird.

40 kleine Zimmer für 40 Menschen, die einen Schlüssel bekommen und durch enge Gänge in ihren jeweiligen Hotel-Theater-Raum gehen, in dem sich nichts befindet außer einem schmalen Bett. Ab und an werden Blätter für die Besucher durch den unteren Türspalt geschoben, Blätter mit Fragen, die man schriftlich beantworten und wieder hinaus in den Flur schieben soll. Man wird Musik hören und sich allein im Bett im Spiegel an der Decke sehen. Man wird irgendwann seine eigenen Antworten und die der Nachbarn hören, komponiert zu einem kollektiven Wortstrom. Die Decke wird sich heben, und man wird sich selbst und all die anderen auf ihren Betten in ihren kleinen Kästchen sehen. „Ich mag kein Mitmach-Theater“, sagt Dries Verhoeven am Telefon. Er probt gerade in München an den Kammerspielen an einer Performance mit Blinden. Dries Verhoeven, 1976 im niederländischen Oosterhout geboren, baute zunächst als Bühnenbildner Räume, in denen die Trennung zwischen Bühne und Zuschauerraum aufgehoben war. Auf Dauer war ihm das zu wenig. 2002 entwickelte er in einem Bus seine erste kleine, interaktive Performance-In­stallation.

Verhoevens Versuchsanordnungen fordern die Besucher heraus, ohne sie zu bedrängen. Wie im vergangenen November, als Dries Verhoeven beim HAU-Festival Beyond Belonging seine Arbeit „Niemandsland“ zeigte. Eigentlich bestand „Niemandsland“ nur daraus, dass ein Zuschauer mit ein wenig Abstand einem Laiendarsteller – einem Asylbewerber – durch die trüben Berliner Straßen folgte. Nichts wusste man über diesen Menschen, der vor einem lief, außer dass er zum Beispiel eine dunkle Hautfarbe hatte und Admasu hieß. Über Kopfhörer erfuhr man, was er alles sein könnte. Ein Wirtschaftsflüchtling vielleicht, der auch was vom Kuchen abhaben will. Oder einer, der in seiner Heimat Entsetzliches erlitten hat. Lauter Möglichkeiten einer Biografie. Desto länger man dem fremden Rücken folgte, desto stärker wurde der Wunsch, endlich die wirkliche Geschichte dieses fremden Menschen zu hören. Dries Verhoeven entwickelt Situationen, in denen fremde und surreale Begegnungen stattfinden. Kein direkter Austausch. Eher eine subtile Möglichkeit, Anteil zu nehmen. Solche inszenierten Begegnungen und kollektiven Momente ist seit Jahren ein großes Thema in der bildenden Kunst, im Theater, im zeitgenössischen Tanz. Überall entstehen Stücke über Gemeinschaft und Partizipation. Oft kommt das über die angestrengte Pose nicht hinaus. Bei Dries Verhoeven ist das anders, berührender, vielschichtiger, vielleicht weil er seine Arbeiten aus handfesten, konkreten Beo­bachtungen entwickelt. 

YouAreHere„Gemeinschaft erleben wir am ehesten noch im Fußballstadion, in der Diskothek oder im Theater“, sagt Verhoeven. Vor Kurzem war er in Neu Delhi. Er hat Menschen kennengelernt, die mit mehreren Personen in einem Zimmer schlafen. „Wenn sich einer im Schlaf bewegt, bewegen sich alle. Wie Katzen, ganz weich, ohne dabei wach zu werden.“ Die Weisen, wie Menschen in modernen Gesellschaften eng zusammen und gleichzeitig voneinander isoliert sind, das ist Verhoevens Lebensthema. Im vergangenen Jahr war der Regisseur mehrere Monate in Sri Lanka. Er hat dort in einer Region, die 2004 von dem schweren Tsunami betroffen war, eine seiner Installationen gebaut. Ein Internetcafй direkt am Strand, „Life Streaming“ hieß das Projekt. Auch da ging es um Beziehung, um die Verbindung zwischen Menschen, in dem Fall um Menschen, die 8?000 Kilometer voneinander entfernt leben und die sich jetzt per Livestream im Internet begegnen. „Die Europäer haben Milliarden gespendet“, sagt Dries Verhoeven. „Sie wollen helfen und gehen dabei automatisch davon aus, dass das, was sie selbst gut finden, auch von anderen gut gefunden wird.“ Deiche zum Beispiel. Auf die Idee, dass die Menschen in Sri Lanka keine Deiche wollen, wären die Helfer niemals gekommen. „Wir würden das Wasser dann zu unseren Nachbarn schicken, das wäre nicht richtig“, haben die Bewohner von Narigama Beach in Verhoevens Internetcafй den Theaterbesuchern in Amsterdam, München und anderswo erklärt. Es war nur eine kleine Irritation von vielen, die eine Performance-Installation von Dries Verhoeven bereithalten kann.

Ähnliche Momente zwischen Nähe und Fremdheit, Isolation und Gemeinschaft  werden die Besucher im temporäreren Gasometer-Hotel wohl auch erleben. In den gewaltigen, knapp 80 Meter hohen, rostigen Schöneberger Gasometer wurde schon vor Verhoevens Projekt eine durchsichtige Kuppel gebaut. Ab September wird hier Günther Jauch seine Gäste zum Polittalk am Sonntagabend empfangen. Gerade haben hier die Berliner Eisbären gefeiert. Im Mai kommt Dries Verhoevens Theater-Hotel. Schon jetzt hat das Gelände einen leicht surrealen Charme. Was auch an den vielen Männern in schwarzen Hosen, weißen Hemden und Krawatten liegt, Angestellte aus den hier angesiedelten Energieunternehmen. Die Büroinsassen wirken wie seltsame Fremdkörper auf diesem denkmalgeschützten Industriegelände – fast wie die Begegnungen zwischen Fremden in Verhoevens Installationen.

Text: Michaela Schlagenwerth

Foto: Rene den Engelsmann / Theater Beeld, Anna van Kooi (oben)

You are here Mo 23. – Fr 27.5., Mo 30.5. – Do 2.6., 19, 21, 23 Uhr, Gasometer Schöneberg, Torgauer Straße 12-15, Reservierung empfohlen, Karten-Tel. 25 90 04 27

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