Theater

Young Euro Classic 2010 im Konzerthaus

YoungeuroCLASSICmeetsBEATBOXJung und klassisch – geht das zusammen? Immerhin ist Jugend ja geradezu ein Synonym für die Überwindung alles Klassischen. Doch Young Euro Classic, Berlins großes Festival für Jugendorchester, stellt in diesem Jahr schon zum zehnten Mal diese scheinbaren Antagonisten infrage.
Laut Festivalleiterin Gabriele Minz hat sich die gesamte Orchesterszene in den letzten zehn Jahren extrem verjüngt. Man brauche nur in die Gesichter der Berliner Philharmoniker zu blicken, um für diesen Trend Bestätigung zu erhalten: „Wir bilden eine Bewegung ab, die vielleicht noch nicht überall im Kopf angekommen ist. Klassische Musik wird nie ein Massenpublikum erreichen wie zum Beispiel ein Popkonzert. Aber auch das Pub­likum hat sich enorm verjüngt.“
Wie im Jazz, drängt sich auch in der klassischen Musik bei jungen Musikern oft der seltsame Eindruck von zu schnell gealterten Geistern in jugendlichen Hüllen auf. Die Industrie hilft sich mit Figuren wie David Garrett: keckes Hütchen, lange Haare, Dreitagebart, Totenkopf-Shirt. Auf solche Mätzchen verzichtet Young Euro Classic: „Das mehrheitliche Phänomen ist ja nicht David Garrett“, so die Festivalleiterin. „Leute wie er sind solistische Einzelfälle, bei denen bestimmte Marketingmechanismen der Plattenfirmen greifen. Wir präsentieren ja Orchester. Da wäre so ein Pop-Verhalten gar nicht möglich.“

Die Präsentation der jungen Musiker auf der Bühne ist das eine, doch die zentrale Frage lautet, ob sie dieser Musik etwas anderes abgewinnen können als ihre routinierten Kollegen aus den etablierten Kapellen. Der Schlüssel liegt vielleicht weniger in dem persönlichen Verhältnis der Jüngeren zur Klassik als in ihrer speziellen Durchmischung von Musik und Alltag. Mit Ausnahme des eingebetteten Klavierfestivals hält sich Young Euro Classic ganz bewusst von der Elite fern. Viele der hier eingeladenen Nachwuchstalente wissen noch nicht einmal, ob sie die Laufbahn eines Berufsmusikers überhaupt einschlagen wollen. Von der Musik können sie noch nicht ihr Leben bestreiten. Sie müssen nebenbei Geld verdienen. Das tun sie in der Regel mit der ganzen Bandbreite populärer Musikformen. Ihre Affinität zu Pop, Jazz, HipHop, Elektronik oder Weltmusik tragen sie in ihre Interpretationen von Klassik hinein. Die Orchester sind angehalten, Kompositionen aus ihrer Heimat mitzubringen, die ihr unmittelbares Umfeld reflektieren. So gesehen ist Young Euro Classic, aus der Perspektive der europäischen Orchestermusik, auch eine Drehscheibe für unterschiedliche Lebensentwürfe. „Wir haben den Eindruck gewonnen“, sagt Gabriele Minz, „dass nationale Färbungen, die oft diffamierend ‚Folklore‘ genannt werden, Eingang ins Repertoire von Orchestermusik finden. Dies ist als programmatisches Element von Young Euro Classic gewollt.“
Und schließlich fällt auf, dass neben Orchestern aus Spanien, Deutschland, Polen, Russland, Armenien, Georgien, Aserbaidschan, Weißrussland und der Türkei auch Klangkörper aus den USA, Japan und China auftreten.

Den Veranstaltern geht es weniger darum, dass die Musiker einen europäischen Pass vorweisen können. „Die Klammer ist die große europäische Orchestertradition. Mit der Französischen Revolution wurde Musik ja für alle Bürger gegen Bezahlung frei zugänglich. Davor wurde das, was wir heute Klassik nennen, nur in Adelskreisen präsentiert. Es ist ein spannendes Phänomen, wenn man sich in allen Kulturkreisen mit dieser Tradition beschäftigt.“
Klassische Musik in einem eher konservativen Konzerthaus, doch gespielt von jungen Musikern aus aller Welt, die mit Begeisterung und Leidenschaft ihr eignes Lebensumfeld mit den großen Traditionen der europäischen Kultur synchronisieren – dieser Funke springt über. 

Text: Wolf Kampmann
Foto: Young-Euro-Classic/Bienert

Young Euro Classic Do 5.-So 22.8.
im Konzerthaus 
z.B. am 6.8., 20 Uhr das Young Euro Classic Festivalorchester Südosteuropa

Programm unter www.young-euro-classic.de,
VVK: 15 Ђ (zzgl. Gebühren)

Mehr über Cookies erfahren