Theater

Your Nanny hates you! im HAU Berlin

Muetter Vaeter KinderEines Tages stand ein Junge vor der Tür der amerikanischen Journalistin und Pulitzerpreisträgerin Sonia Nazario. Er war auf der Suche nach seiner Mutter. Die Mutter des Jungen war Nazarios Haushälterin. Die US-Journalistin hatte nicht gewusst, dass ihre honduranische Haushälterin Kinder hatte, die sie seit vielen Jahren nicht gesehen hatte, weil sie es sich nicht leisten konnte, sie in die USA nachzuholen. Der Junge, Enrique, war ohne Geld und Papiere von Honduras an die US-Westküste gekommen, er hatte sich auf Zugdächern und in leeren Waggons bis nach Los Angeles durchgeschlagen. Für Sonia Nazario war die Begegnung mit dem Sohn ihrer Haushälterin ein Schlüsselerlebnis. Sie machte sich auf den Weg und fing an zu recherchieren: In mexikanischen Güterzügen ist sie vielen mutterlosen Kindern begegnet, Kinderschmugglern, Mördern, Erpressern. Ihre Recherche hat Nazario in einem Buch verarbeitet, „Enriques Journey“, das eine Odyssee des 21. Jahrhunderts erzählt und in den USA zum Bestseller wurde.

Mit einem Vortrag über die Situation der mutterlosen Kinder in Südamerika eröffnet die US-Journalistin im HAU ein Themenfestival, in dem es darum geht, wie sich Familienstrukturen verändern: „Your Nanny hates you!“ Längst findet ein Umbruch statt, glaubt HAU-Kuratorin Stefanie Wenner. Immer mehr Osteuropäerinnen ziehen in deutsche Haushalte ein, um stunden- oder tageweise Kinder und Alte zu versorgen. In anderen westeuropäischen Ländern sind es eher Philippinas, in den USA Südamerikanerinnen. Oft arbeiten die Frauen schwarz, viele haben zu Hause ihre Kinder zurückgelassen, aber von ihrem Leben und ihren Familienverhältnissen wissen ihre Arbeitgeber aus der Ersten Welt kaum etwas.

Cet_EnfantDiese blinden Flecken will das HAU-Festival untersuchen. Die Filmemacherin Janina Möbius hat sich in Mexiko auf die Spuren der Arbeitsmigrantinnen gemacht. Ihr Dokumentarfilm „Loterнa“ zeigt Mütter, die zum Geldverdienen fortgehen und selbst wieder Nanas engagieren, arme Mädchen vom Land für die Versorgung ihrer eigenen Kinder. Kinderziehung folgt in Mexiko den gleichen Gesetzen wie in Deutschland und überall: Immer sind es Frauen aus niedrigeren Gesellschaftsschichten, die sich um die Kinder der anderen kümmern und die eigenen dafür oft vernachlässigen müssen. Der kanadische Regisseur Alex Ferguson zeigt seine Theaterinstallation „Nanay. A Tes­timonial Play“ mit Schauspielern und philippinschen „Nanays“, die Auskunft geben über ihr Leben in Kanada.
Aber auch von ganz anderen, mittelschichttypischen Aspekten des Familienlebens erzählt das Festival. Der Theaterregisseur Stefan Nübling stellt in „Mütter.Väter.Kinder“ drei Familien auf die Bühne des HAU 2: seine eigene sowie zwei befreundete, mit denen der Regisseur auch zusammenarbeitet. Es geht um alltägliche Dinge wie das gemeinsame Essen, um elterliche Nöte – wie bringt man Kinder dazu, das zu tun, was man will? Und wer ist eigentlich der Chef in der Familie? Entspannt und verspielt fragt der Abend, was Familie sein kann, ohne sie deswegen gleich zu verherrlichen. Insgesamt fünf Theaterstücke zeigt das Festival – darunter auch die ziemlich schräge Uraufführung „Daddy“, mit einem Elfjährigen, der zum Vater wird, und einer Dragqueen als Mutter.

Text: Michaela Schlagenwerth
Fotos: Maurice Korbel, Elisabeth_Carecchio

Your Nanny hates you!

HAU 1
, HAU 2, HAU 3, Do 11. bis Sa 20. Juni

IN TRANSIT FESTIVAL 2009 IM HAUS DER KULTUREN

THEATER UND BÜHNE IN BERLIN VON A-Z

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