Theater

„Before Your Very Eyes“ beim Theatertreffen

Before_Your_Very_EyesLeben im Schnelldurchlauf: In ihrem Stück „Before Your Very Eyes“ lässt das Performance-Kollektiv Gob Squad sieben belgische Kinder zwischen 9 und 15 Jahren theatralisch altern. Anfangs begegnen sie ihrem jüngeren Ich, das Gob Squad in Videointerviews 2009 konserviert hat, dann spielen sie sich durch ein vorgestelltes Leben, angeleitet von einer Stimme aus dem Off und unter ständiger Beobachtung im gläsernen Bühnen-Kasten. Vom Zuschauerraum aus betrachtet, spiegeln sich die Erwachsenen in den lustig-langweiligen Sushi-Partys in der Mitte und den verpassten Möglichkeiten am Ende des Lebens. Aber wie sehen das eigentlich die Kinder? Ine Verhaegen aus Gent, 15 Jahre, eine der Spielerinnen, gibt Auskunft:

Als das Projekt mit Gob Squad begonnen hat, war ich 12 oder 13 Jahre alt, ich weiß es nicht mehr genau. Ich habe schon beim Projekt „That Night Follows Day“ (2007) von Tim Etchells & Victoria mitgespielt, damals war ich neun. Meine Mutter kennt Leute vom Theater. Sie sagte zu mir: „Probier es doch einfach aus und wenn es dir gefällt, gehst du wieder hin.“ Aber „Before Your Very Eyes“ macht viel mehr Spaß. Bei Tim Etchells mussten wir sehr viel Text lernen, uns auf eine bestimmte Art verhalten. Bei Gob Squad können wir einfach spielen und das sagen, was wir wollen. Vieles von dem, was wir in den Proben entwickelt haben, ist nicht in das Stück reingekommen. Aber die Dinge und die Bilder gehören uns. Schon während der Proben hatten wir eine Art Box, in der wir gespielt haben. Wir nennen sie „unsere Box“. In unserer Box sehen wir nichts außer uns selbst und das, was in der Box ist. Die Spiegel vergrößern alles. Es sieht wirklich cool aus und ich vergesse, dass da draußen Zuschauer sitzen. In der Schule, bei Präsentationen oder so, habe ich immer totalen Stress und beginne zu zittern. Hier gar nicht. Ich weiß nicht genau, warum. Vielleicht, weil ich die Leute da draußen nicht kenne und sie mir deshalb egal sind.

Zu Beginn der Performance sehen wir Videos, wie wir vor drei Jahren waren. Das findet das Publikum oft seltsam, unheimlich. Für uns ist das überhaupt nicht seltsam. Es ist lustig, mich selbst zu sehen, als ich jünger war. Ich frage mich, warum habe ich das damals nur gesagt? Keine Ahnung, ehrlich. Ich bin jetzt ein Jahr älter als bei der Premiere und habe das Stück ungefähr 50 Mal gespielt. Ich mag die Performance wirklich, deshalb ist es nicht langweilig, sie zu wiederholen. Die Performance verändert sich auch jedes Mal wieder und Dinge, die mir vor einem Jahr klein und unwichtig erschienen sind, sind jetzt riesengroß. Und unsere Gruppe ist cool. Wir sind Freunde geworden und verbringen viel Zeit zusammen. Wenn etwas bei einer Aufführung schiefläuft, diskutieren wir darüber. Wir wissen sehr genau, was wir tun und wie wir uns verbessern können. Auch dabei helfen uns die Spiegel wirklich. Alle sehen alles. Wir können uns korrigieren. Ich weiß nicht genau, wer oder was die Stimme in der Performance ist. Es ist einfach eine Stimme. Nicht mehr. Sie ist Teil des Spiels. Manchmal habe ich das Gefühl, dass sie unsicher ist. Am liebsten spiele ich die Sushi-Party. Keine Ahnung, wie ich Sushi-Partys finde … Wir sind einfach Kids, die eine Sushi-Party spielen.Auf Tour habe ich tolle Orte gesehen, in ganz Europa, Australien und Kanada. Wir hatten auch genug Zeit, um uns dort Dinge anzuschauen. Aber in der Schule erzähle ich den Leuten nicht, was ich mache. Es gibt immer Leute, die komisch reagieren. Manche sind eifersüchtig, andere glauben einem sowieso nicht. Ich habe nur elf Schultage verpasst, das ist in Ordnung.

Natürlich hat das Projekt mein Leben verändert. Aber über mein Leben oder was es bedeutet, erwachsen zu sein, denke ich eigentlich nicht nach. Ich will meine Schule gut machen und dann einen Beruf finden. Vielleicht bin ich durch das Projekt ein bisschen erwachsener geworden. Ich kann Dinge besser allein machen als vorher. Ich habe weniger Angst. Ich mag es nicht, wenn Leute, die das Stück gesehen haben, sagen, wir würden dazu gezwungen. Das stimmt einfach nicht. Wir sind gerne in unserer Box. Wir haben Spaß. Ich kann es nicht leiden, wenn Leute sagen, das sind Kinder in einem Käfig.

Protokoll: Anja Quickert
Foto: Phile Deprez

Before Your Very Eyes beim Theatertreffen 2012
Haus der Berliner Festspiele, Seitenbühne,
Do 17.5., Fr 18.5., 20 Uhr, Sa 19.05., 15 Uhr
Karten-Tel. 25 48 91 00

REZENSION DES STÜCKS 

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