Theater

Zahnschmerzen

Es ist eine interessante Erfahrung, mit mehr oder weniger heftigen Zahnschmerzen in eine Theaterpremiere zu gehen. Wird das Theater stärker sein als dieser pochende Schmerz, der vom Kiefer zuverlässig in den ganzen Kopf ausstrahlt und einen etwas lehrt, was man im Theater öfter mal vergisst: Demut? Auch die von Kritikerkollegen und anderen Snobfreunden gerne leichthin in die Runde geworfene Bemerkung, dieser oder jener Theaterabend sei ja wohl schmerzensgeldpflichtig, relativiert sich unter dem Eindruck von Zahnweh dann doch sehr: Sogar Kriegenburg-Abende würde man im Zweifel dieser interessanten, aber auf Dauer etwas anstrengenden Erfahrung vorziehen, auch wenn Kriegenburg-Abende in der Regel weder interessant noch anstrengend, sondern eher so etwas wie Schaumgebäck sind.

Für die gerne behauptete Qualität des Theaters, eine zweite, gar autonome Wirklichkeit mit eigenen Gesetzen zu schaffen, wäre man an diesem Abend außerordentlich dankbar, schon um die erste, echte und gelegentlich ziemlich unangenehmen Wirklichkeit nicht mehr in vollem Umfang ertragen zu müssen. Die entscheidende Frage lautet: Kann Theater so schön sein, dass man zumindest für eine Zeit vergisst, dass man eigentlich nur ein bedauernswertes Mangelwesen, ein lebenslänglicher Pa­tient, ein schmerzgeplagtes Beispielexemplar für die berühmte zerbrechliche Einrichtung der Welt ist?

Das ist, zugegeben, purer Eskapismus, aber Zahnschmerzen sind ein ziemlich guter Grund, sich etwas Eskapismus zu gönnen. Vielleicht wäre das eine hilfreiche neue Kategorie zur Bewertung von Theater: Hilft es gegen Zahnschmerzen, werden sie vielleicht unter dem Eindruck des Bühnengeschehens stärker, oder nehmen sie einen für ein paar Stunden in eine schönere Welt? Bei Herbert Fritsch zumindest hat die Glücksdroge Theater (und die von einem mitfühlenden Kollegen gereichte Schmerztablette) bestens funktioniert. Kann einem im Theater etwas Besseres passieren? 

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