Jubiläum

Zehn Jahre Radialsystem V

Die avantgardistische Bratwurst: Zum zehnjährigen Bestehen feiert sich das Radialsystem V mit einer Geburtstagsparty

Foto: Sebastian Bolesch

Es ist erstaunlich, wie sehr die altbackene Idee von der Müll- und Wegwerf-Gesellschaft unsere tiefsten Vorlieben prägt. „Radialsystem“, dieses Wort bezeichnet ein Abwasserpumpwerk, das zur Entsorgung Berliner Klospülungen im 19. Jahrhundert als Gipfel des Fortschritts betrachtet wurde. Kein Zufall kann es sein, dass man vom Ufer des „Radialsystem V“ aus den schönsten Blick auf eine jener maroden Fabriken hat, in deren Nähe in Fontanes Roman „Frau Jenny Treibel“ die Titelheldin wohnte. Im selben Buch wird über die Institution des Radialsystems berichtet, man „geniere sich, zu fragen, was es sei“.

Als vor zehn Jahren mit dem „Radialsystem V“ die wohl schönste musikalische Off-Spielstätte gegründet wurde, die Berlin heute hat, da dachte man nicht zuletzt an: Sasha Waltz. Die Choreographin hatte sich gerade von der Schaubühne getrennt. Auch für die Akademie für Alte Musik, in Berlin führend im Bereich der historischen Aufführungspraxis, hoffte man auf ein regelmäßiges Domizil. Wer die beiden Truppen im aktuellen Programm des Hauses sucht, wird sie vermissen. Die Verbindung zur „Akamus“ ist fast ganz gelöst. Die nächste Waltz-Produktion wird erst für nächstes Jahr angepeilt. Das Angebot: viel breiter gefächert. So feiert man am 9.9. mit einer allgemeinen Geburtstagparty (mit DJ Ipek).

„Tanz im August“, kleinere Reihen wie das Geruchsfestival „Osmodrama“ (noch 8.9.) sowie das Solistenensemble Kaleidoskop und der Rundfunkchor haben hier einen hippen Ausflugsort gefunden. Der große Nebenraum und zuweilen auch der Saal werden ständig umgebaut und oszillieren zwischen Lounge, Wartesaal und Buffet-Kirmes. Hier fanden einige der besten Berliner Aufführungen der letzten Jahre statt: Produktionen von Sasha Waltz, Gastspiele von Teodor Currentzis bis Erika Stucky und sogar szenische Produktionen von Mozart bis zu „DADADADAAAAA“ – zu 100 Jahre Dada (24./25.9.).
Man darf das Haus auch kritisieren. Der Vorwurf, 2006 sei mit der Ansage begonnen worden, ohne Subventionen auskommen zu wollen, besteht zu Recht. Bis heute, so Co-Leiter Folkert Uhde, müssen für viele Einzelprojekte öffentliche Töpfe angezapft werden. Man buttert dadurch den Vermieter, eine Bochumer Vermögensverwaltungsgesellschaft. Zudem sind die Raumkosten im Radialsystem so hoch, dass kleineren Gruppen in Berlin der Auf- und Zutritt verwehrt bleibt. Man lebt – im Programm des Hauses meist nicht erkennbar – von Vermietungen (oftmals an Bundesministerien).

Trotzdem ist es ein schöner Ort. Durch die direkte Spreelage begünstigt, schwebt über dem avantgardistischen Anspruch des Hauses („Space for Arts and Ideas“) gerne auch ein leichter, rustikaler Bratwurstgeruch – hinübergeweht von angrenzden Biergärten. Wer jemals einen Sommerabend auf der Terrasse hinterm Radialsystem verbracht hat, weiß: Dem Charme der Berliner Draußensaison können sich hier auch Kleingarten-Verächter nicht entziehen. Ergebnis: Selbst der geschmacks- und kunstbewusste Berliner wurde im Radialsystem mit lokalem Brauchtum gelegentlich versöhnt. Glückwunsch!

Radialsystem V Fr 9.9., 22 Uhr, Eintritt frei

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