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„In Zeiten des abnehmenden Lichts“ am Deutschen Theater

InZeitenAbnehmendenLichtsWie lassen sich eine Familiengeschichte über drei Generationen und vier Jahrzehnte DDR plus Vor- und Nachgeschichte von 1933 bis 2001 auf die Bühne bringen? Stephan Kimmig versucht es am Deutschen Theater mit dem Mut zur gemütlichen Karikatur. Im Vertrauen darauf, dass Klischees so haltbar sind, weil sie einen wahren Kern haben, konzentriert sich seine Figurenzeichnung auf größtmögliche Eindeutigkeit.
Mit dieser Klischeeverflachung und der Entsorgung in die leicht zu belächelnde Peinlichkeit tut Kimmig seinen Figuren unrecht. Entnommen hat er sie und ihre in Zeitgeschichte verflochtenen Lebensgeschichten Eugen Ruges vor zwei Jahren erschienenem, äußerst erfolgreichen Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“. Ruge erzählt mit bewundernswerter Leichtigkeit, genau, mit gutem Sinn für Komik und frei von Rechthaberei die Geschichte einer Desillusionierung am Beispiel einer Familie, die der seinen frappierend ähnelt: vom schwadronierenden roten Großvater, der einst angeblich die KPD mitgründete, über den Vater, der in der Stalin-Zeit zehn Jahre in einem sibirischen Straflager Bäume fällen musste und später zum renommierten DDR-Historiker (und erotischen Schwerenöter) wurde, bis zur Generation des 1954 geborenen Eugen Ruge, für den die DDR im Endstadium nur noch eine Zumutung war.
Ruges Kunst besteht darin, den Figuren ihre Ambivalenz zu lassen: Auch die beschränkte Funktionärsgroßmutter war einmal jung, lebensgierig, gegen Hitler und nicht aus Kalkül, sondern aus Überzeugung in der KPD. Auch der systemnahe Historiker, das Stalinismus-Opfer Kurt, ist kein Opportunist, zumindest nicht nur.

Von diesen Ambivalenzen, die das Zerbröckeln ideologischer Großkonstruktionen, ihr Scheitern, das sich im individuellen Bewusstsein als Enttäuschung oder als bornierte Verhärtung abbildet, erst interessant und schmerzhaft machen, bleibt in Kimmigs Inszenierung wenig übrig – und das, obwohl er sich einer vom theatererfahrenen Romanautor Ruge selbst für die Bühne bearbeiteten Fassung bedient hat. Christian Grashof gibt den KPD-Veteranen Wilhelm durchgehend als eitlen Volltöner, der noch 1989 als seniler Greis davon träumt, die Konterrevolutionäre niederzuschießen: „Rattatatata“. Gabriele Heinz ist als seine Gattin stets ein von den eigenen Karriere-Ambitionen überforderter Funktionärsbesen mit beschränktem Horizont. Der abrupte Wechsel zwischen den Zeitebenen, der Ruges Roman strukturiert, wird hier zum diffusen, unkonturierten In- und Nebeneinander der Zeiten. Alexander (Alexander Khuon), der Jüngste, geistert als Alter Ego des Autors, als stets anwesender Erzähler, der sich an das alles erinnert, wie ein unsichtbarer Zeuge auch durch Szenen, in denen er nicht mitspielt.
Fiebrig, mit abgerissenem Parka und Vollbart im 80er-Jahre-Bürgerrechtler-Stil, irrt er durchs Bühnenleben. Was den immer etwas zu aufgeregt um sich selbst kreiselnden jungen Mann antreibt, wie er an sich, an der DDR, an seiner Familie leidet, bleibt diffus.

Zwei Darsteller ragen aus dem flach auf Wirkung arrangierten Tableau heraus. Bernd Stempel gibt seinem Intellektuellen Kurt eine melancholische Komik. Und die große Margit Bendokat macht aus dem russischen Muttchen eine tolle Märchenfigur wie aus einer anderen Zeit. Der Rest der Veranstaltung legt wieder einmal die Vermutung nahe, dass bei guten Romanen die Lektüre jederzeit der Verabreichung in Theater-Pillenform vorzuziehen ist.     

Text: Peter Laudenbach
Foto: Arno Declair
tip-Bewertung: Zwiespältig

In Zeiten des abnehmenden Lichts

Deutsches Theater, Karten-Tel. 28 44 12 21

 

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