Theater

Zeitfenster – Biennale Alter Musik in Berlin

Accademia-BizantinaWer heute noch hochmütig über den Mitmenschen thronte, kann morgen schon abstürzen. Vornehmer formuliert klingt das so: „Fallt, ihr Mächtigen, zu Boden“, des Hamburger Opernkomponisten Reinhard Keiser (1674-1739), die programmatisch in der Eröffnungsveranstaltung des Barockmusik-Festivals „Zeit­fenster“ im Konzerthaus erklingen wird. Das Festival-Thema lautet nämlich „Hochmut“ oder griechisch „Hybris“; sinnreich ist es schon deswegen, weil die damit verbundene Idee der vanitas, der Nichtigkeit allen menschlichen Strebens, im Barockzeitalter ein Leitmotiv war.

Eröffnet wird am 11. April im Großen Saal, mit Ausschnitten aus gleich mehreren, schon im Titel stark vertikal orientierte Handlungsverläufe andeutenden Opern: Keisers „Der hochmüthige, gestürzte und wieder erhabene Croesus“ und „Der gestürzte und wieder erhöhete Nebucadnezar“ sowie Georg Philipp Telemanns „Helden Music“ und seine Oper „Gensericus“ über einen Vandalen, also einen Ostgermanen, der Rom erobert. Die Akademie für Alte Musik und so vorzügliche Sänger wie Roberta Invernizzi und Dietrich Henschel garantieren hohes Niveau. Das gilt auch für die zweite Opernpremiere, „Dido“, einmal nicht von Purcell, sondern von Christoph Graupner.

amarcordWer sich weiter an germanisch-barbarischer Frühzeit delektieren will, dem seien die Edda-Lieder mit dem Ensemble Sequentia empfohlen. Wer lieber mehr vom intriganten Auf und Ab in Roms politischer Geschichte hören möchte, kann sich an dem streichelsamtigen Sopran von Nuria Rial delektieren, die Arien von Pergolesi, Vivaldi, Porpora und Händel singt. Daneben gibt es die immer interessante Gegenüberstellung von Alter mit zeitgenössischer Musik: Im Radialsystem V, dem Spezialisten für solche Mischkalkulationen, werden die Anfänge der „emanzipierten“ Instrumentalmusik im Italien des frühen 17. Jahrhunderts mit Werken von Klaus Lang, Michael Wertmüller und Sven-Ingo Koch konfrontiert, die sich für die Gegenwartsmusik eher untypischen Themen wie „Begierde“, „Sehnsucht“ oder „Liebe, Geilheit“ hingeben. Auch das Konzerthausorchester konfrontiert Zeitgenössisches mit Gregorio Allegris berühmtem „Miserere“. Natürlich dürfen Stars wie die Gambistin Hille Perl oder ihr Kollege Jordi Savall mit seinem Ensemble Les voix humaines nicht fehlen, und das Abschlusswochenende wartet unter anderem mit einer langen Nacht der Renaissance-Musik auf, einem wohlklingenden Streifzug durch aller europäischen Herren Länder.

Text: Wolfgang Fuhrmann
Fotos. Accademia Bizantina, Martin Jehnichen

Zeitfenster – Biennale Alter Musik
10. bis 18.4,
Konzerthaus, Radialsystem,
www.zeitfenster.net

MINI-FESTIVAL „AUTORENTHEATERTAGE“ IM DEUTSCHEN THEATER 

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