Theater

„Zeitung“ im HAU 1

Zeitung_Foto_Herman_SorgeloosMit ihrer neuesten Arbeit Zeitung ist die Choreografin, die ihre langjährige Residenz im Brüsseler Thйвtre de la Monnaei verloren hat, auf Großtournee. Jetzt endlich macht sie in Berlin im HAU 1 Station.
Ein zeitkritisches Tanztheaterstück, so viel steht schon fest, verbirgt sich nicht hinter dem Titel. Sondern im Gegenteil eine ganz und gar abstrakte Arbeit über die Beziehung von Tanz und Musik. Neun Tänzer erproben sich zu Sebastian Bach, Arnold Schönberg und Anton Webern an den unterschiedlichsten Möglichkeiten körperlicher Kontrapunktierung. Das mag anstrengend klingen. Doch bei de Keersmaeker, die nie auf Emotionen verzichtet, ohne deswegen gleich ins Theatrale abzurutschen, sind solche Exerzitien von größter Lebendigkeit und Schönheit.
Überhaupt hat Anne Teresa de Keersmaeker, ähnlich wie etwa Merce Cunningham oder William Forsythe, eine ganz eigene Weise gefunden für die Beziehung zwischen Tanz und Musik. Eine, die nicht wie traditionell üblich Musik mit Bewegung „ausmalt“, sondern ihr den Tanz als Eigenes entgegensetzt. Merce Cunningham und John Cage hatten dafür Tanz und Musik unabhängig voneinander entwickelt und erst in einer späten Arbeitsphase beide Ebenen zusammengebracht. Forsythe hat zuweilen den Tanz verschwinden und nur die Musik auf der Bühne übrig gelassen, um so nach Sichtbarem und Unsichtbarem zu fragen.
De Keersmaeker ist mit den Minimalkompositionen Steve Reichs einen anderen Weg gegangen. Sie hat parallel zum Minimalismus Reichs eine Art eigene Raum-Mathematik erfunden. Eine ganz eigene Ordnung von tänzerischer Bewegung, die einerseits minimalistisch, gleichzeitig aber weit ausgreifend und in ihrem ständigen Ineinandergeschobensein unendlich komplex wirkt. Das macht den Reiz der Stücke aus: Sie bergen ein Geheimnis, das man nicht recht verstehen, dem man sich nur überlassen kann.

Text: Michaela Schlagenwerth

Foto: Herman Sorgeloos

Zeitung im HAU 1,
Stresemannstraße 29, Kreuzberg,
6.-8.11., 19.30 Uhr

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