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„Zement“ am Maxim Gorki Theater

Sebastian Baumgarten, ein gefürchteter Dekonstrukteur, zerlegt Stücke gerne ideologiekritisch bis zur Unkenntlichkeit. Das kann, wie zuletzt bei seiner Hamburger „Ballade vom Fliegenden Holländer“ oder seiner Dresdener „Antigone“, zu forciert wirrem Zeichensalat mit hohem Kopfwehfaktor führen. Im Zweifel erledigen Theorie-Einsprengsel von Ћiћek bis Luhmann den Rest.
Verglichen damit ist seine Bearbeitung von Heiner Müllers Revolutionsrequiem „Zement“ am Maxim Gorki Theater von erstaunlicher, leicht bösartiger Stringenz. Hat Müller der Tragödie der bolschewistischen Revolution im Bewusstsein der Verbrechen des Stalinismus ein Denkmal gesetzt, führt Baumgarten die Revolutionäre als Jahrmarktsfiguren und Revolutionskasper mit auf die nackten Oberkörper aufgemalten roten Hemden, langen weißen Unterhosen, angeklebten Schnauzbärten und lächerlich überzogenen Gesten vor. Baumgartens szenischer Kommentar verspottet das Pathos, mit dem Müller die Utopie noch in ihrer blutigen Degenerierung im bolschewistischen Terror retten will. Indem die Regie die gläubigen Kommunisten in die Groteske und den Comic treibt, macht sie ernst mit dem berühmten Marx-Satz, die Tragödien der Geschichte wiederholten sich als Farce.  
Peter Jordan macht aus Gleb, dem aus dem Bürgerkrieg heimgekehrten Revolutionär, einen begriffsstutzigen Hampelmann, der gerne etwas treudoof in die Ferne blickt. Die eigentlich immer tolle Sesede Terziyan versteht sich als seine Gattin Dascha darauf, die Pathos-Arien zu erden und mitten in die Ironisierung der Regie Momente von Ernsthaftigkeit zu setzen. Thomas Wodianka jagt den Tscheka-Offizier Badjin in die Psychopathologien des freilaufenden Irrsinns. Gläubige Heiner-Müller-Puritaner werden diese Inszenierung hassen. Heiner Müller hätte vermutlich grimmiges Vergnügen an ihr gehabt.   



Text:
ATR

Foto: Ute Langkafel

Adresse + Termine: Maxim Gorki Theater

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