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Zubin Mehta: „Ich lese in Opern wie in einem Roman“

Dirigier-Legende Zubin Mehta über Strauss’ Die Frau ohne Schatten und darüber, wie er der erste große Dirigent aus dem Morgenland wurde

© Marco Brescia/ La Scala

tip Herr Mehta, „Die Frau ohne Schatten“ von Richard Strauss hat einen reichlich undurchsichtigen Plot. Worum geht’s?
Zubin Mehta Um echte Liebe, und zwar oben und unten. So ähnlich wie bei den Göttern und den Nibelungen bei Wagner. Die Amme, ein Wesen zwischen den Welten, lässt die Puppen tanzen. Eine humanistische Handlung.

tip Das Werk, sagen Sie, sei „eines der schwersten überhaupt“. Warum?
Zubin Mehta Schwer ist, das Paket zusammenzukriegen. Die Orchesterstimmen sind technisch schwer. Das Problem liegt darin, das Ganze zu balancieren. Also muss ich so probieren, dass sich die Musiker wohlfühlen. So habe ich immer gedacht. Was für mich bedeutet, dass ich bis spät abends die Partitur studiere. Ich lese in Opern wie in einem Roman. Man entdeckt immer zehntausend Neuigkeiten.

tip Selbst ausgewiesene Strauss-Dirigenten wie Wolfgang Sawallisch beklagten sich über die penetrante C-Dur-Orgie am Schluss der „Frau ohne Schatten“. Ist das Stück geschmackvoll?
Zubin Mehta Sawallisch war bei Strauss der Beste, und er hat Recht. Am Ende können manche Komponisten der Versuchung nicht widerstehen, die Sonne aufgehen zu lassen. Das ist bei „Fidelio“ auch so. Mich fasziniert mehr, dass in Hofmannsthals Libretto ständig von Keikobad die Rede ist. So hieß ein Onkel von mir. Wir nannten ihn Keiki. Wir Parsen sind ursprünglich Perser und folgen den Lehren des Zarathustra. Zu Neujahr, am 21. März, wird in Persien Kai Kobad, ein mythologischer Herrscher, gefeiert. Dann gehen wir in den Tempel.

tip Sie waren – parallel mit Seiji Ozawa – der erste weltweit erfolgreiche Dirigent, der nicht aus Europa oder Amerika kam. Wie stark waren die Vorbehalte?
Zubin Mehta Ich hatte nie das Gefühl von außen zu kommen. Seiji und ich, das stimmt, waren gute Nachbarn, schon als er noch in San Francisco war und ich in Los Angeles. Bereits mein Elternhaus in Indien war voll von Beethoven und Mozart. Neu, als ich 1954 nach Wien kam, war nur der Klang der Wiener Philharmoniker. Und der erste Schnee! Ich habe extrem arbeitsam auf alles reagiert. Bis heute. Kein Tag vergeht ohne drei bis vier Proben. Abends gehe ich hier immer in den neuen Pierre Boulez Saal.

tip Sie sind ein dirigentischer „Allesfresser“. Was dirigieren Sie nicht?
Die Werke von Ralph Vaughan Williams. Dabei saß ich in Manchester stets neben ihm, als seine achte Symphonie geprobt und uraufgeführt wurde. Ich war sehr stolz darauf. Auch Sibelius dirigiere ich wenig. Man muss etwas haben, das man sein lässt.

tip Dirigenten sind von Berufs wegen Besserwisser, denn sie müssen den Musikern sagen, wo’s lang geht! Richtig?
Zubin Mehta Nein. Es stimmt, dass wir in allen Stilen zuhause sein müssen. Das habe ich aber nur geschafft, weil ich von meinen Musikern gelernt habe. Mein erster Fagottist in Los ­Angeles, wo wir bis heute leben, hatte noch unter Arthur Nikisch bei den Berliner Philharmonikern gespielt. Ich habe von Arthur Rubinstein die Selbstverständlichkeit der Interpretation übernommen und bin von Rostropowitsch und Menuhin korrigiert worden. Der Tenor Jon Vickers sagte mir: „Du musst aufhören, mir zu folgen! Ich will, dass du mich dirigierst.“ Man muss wissen, wann man etwas besser weiß. Und wann man besser den Mund hält.

Staatsoper Berlin So 9.4., Do 13.4., So 16.4., 18 Uhr, Karten 65 – 260 €

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