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Zum Tod von Christoph Schlingensief (24.10.1960 – 21.8.2010)

Christoph_SchlingensiefIn Christoph Schlingensiefs erstem Film sieht man ihn, wie er in einem blauen, viel zu großen Damenkleid tanzt und fröhlich in die Super-Acht-Kamera grinst. Als der Kameramann aus Versehen wackelt, ruft eine Kinderstimme aus dem Off: „Oh, ein Erdbeben. Na, nicht so schlimm, nur 23 Tote…“ Und Christoph Schlingensief tanzt weiter. Der Film ist von 1968, wennschon Erdbeben und Kulturrevolution, dann richtig. Christoph Schlingensief ist gerade mal acht Jahre alt, aber dass der Name des Regisseurs das Wichtigste am Abspann ist, ist ihm klar: „Christoph hatte Regie und Kamera“ meldet eine verwackelte Schrift.

In einem anderen Super-Acht-Film des Frühwerks („Die Klasse“) sieht man, dass der Künstler schon damals entschlossen ist, die lästigen Grenzen zwischen Leben und Kunst, Regietheater und Quatsch, Avantgardefilm und Kindergeburtstag zu ignorieren: Schlingensief, etwa zehn Jahre alt und jetzt auch sein eigener Hauptdarsteller, spielt im lila Anzug einen Lehrer, der seine Schulklasse sadistisch rumkommandiert: „Aufstehn! Setzen! Aufstehn! Setzen!“ Aber eigentlich spielt er einen Regisseur, der die Allmacht seines Jobs gleichzeitig auskostet und sich darüber lustig macht und so vom kleinen Diktator zur albernen Witzfigur wird. Nebenbei löst der Kurzfilm die Psychodynamiken, autoritären Zumutungen und Ordnungssysteme einer angeblich normalen sozialen Realität in den blanken Aberwitz, in das durchgedrehteste Theater auf: Ist doch alles nur ein Spiel! Genau dieses Spiel hat Christoph Schlingensief dann in den nächsten 40 Jahren zur Verwunderung der Welt weitergespielt. Nur konsequent also, dass er seine frühen Kurzfilme in die Box mit seinem filmischen Gesamtwerk gepackt hat. Irgendwie scheint der biografische Bruch zwischen einer offenbar glücklichen Kindheit und der Existenz als realitätstüchtigem Erwachsenen Christoph Schlingensief erspart geblieben zu sein.

In der „Kirche der Angst vor dem Fremden in mir„, dem Stück, in dem er vor zwei Jahren seine Krebserkrankung radikal ungeschützt zum Thema machte, tauchen wieder Fotos und Filme des Kindes Christoph Schlingensief auf: eine Erinnerung an die Kindheit im Angesicht des eigenen Todes, ausgestellt mit der gleichen Direktheit wie die Röntgenaufnahmen seiner erkrankten Lunge, die er bemalt und zum Teil des Bühnenbildes macht. „Es ist so schön, Blödsinn zu machen, dass einfach nur das Leben da ist. Ich will, dass diese Krankheit abhaut, dass sie von der Erde verschwindet“, hat Christoph Schlingensief, schon schwer krank, vor gut einem Jahr in seinem letzten Tip-Interview gesagt, wütend, verletzt und lebensbejahend, auch wenn das Leben wehtut. Die Ehrlichkeit, mit der er sich in seinen letzen Inszenierungen und dem Buch über seine Krebserkrankung mit seinem drohenden Sterben auseinandergesetzt hat, hat vielen Menschen in ähnlichen Situationen geholfen. Und vermutlich jeden, der sich darauf eingelassen hat, tief berührt.

Christoph_SchlingensiefEine Erinnerung an Christoph Schlingensief: Bei seiner Hamburger Aktion „Passion Possible – Notruf für Deutschland“, gründet er 1997 neben dem Schauspielhaus für sieben Tage eine Bahnhofsmission. Es geht nicht um Kunst, jedenfalls nicht nur. Es geht darum, das Bild des reichen, bürgerlichen, kultivierten Hamburg zu stören und die Obdachlosen und Junkies sichtbar zu machen: Aktionskunst als Bildstörung. Bei einer Demonstration durch die Innenstadt ruft Christoph Schlingensief immer wieder „Das Leben! Das Leben! Das Leben!“ Eine andere Parole dieser Aktion wird ein Jahr später zur Hymne seiner Partei „Chance 2000“, ein Brecht-Zitat: „Der Blick in das Gesicht eines Menschen, dem geholfen ist, ist der Blick in eine schöne Gegend.“

Christoph Schlingensief war ein sehr besonderer Mensch. Sein Mut, seine Warmherzigkeit, seine ziemlich radikale Kunst, sein guter Humor, eine menschliche und künstlerische Integrität und Nicht-Korrumpierbarkeit, die weder durch Erfolg noch durch Karrierekrisen gefährdet war, die scheinbar kindliche, unverstellte Unschuld, mit der er sich in seine Theater-, Kino- und Kunst-Abenteuer gestürzt hat, machen ihn zu einer Ausnahme in einem Kulturbetrieb, der fast nur aus Profis, kaum aus Leuten, die aufs Ganze gehen, zu bestehen scheint. Deshalb gibt es auch keinen Widerspruch zwischen seinen harten Schock-Kunstwerken und dem letzten Projekt, ein Festspielhaus für Afrika zu bauen: Immer ist das Kunstwerk, mit einem von Beuys geliehenen Lieblingsausdruck Schlingensiefs, eine „soziale Plastik“. Kunst war für Christoph Schlingensief kein Beruf, sondern eine Lebensform, die einzig mögliche Weise, sich in der Welt zu bewegen. Christoph Schlingensief war für das Theater, für die Aktionskunst und erst recht für viele Menschen, die ihn kannten, das, was Fassbinder, neben Beuys wahrscheinlich sein zweites großes Vorbild, für das deutsche Kino sein wollte: Jemand, nach dem nichts mehr ist wie davor

Text: Peter Laudenbach
Fotos: Harry Schnitger

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