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„Zwei arme Polnisch sprechende Rumänen“ im Gorki Studio

Zwei_arme_polnisch_sprechende_Rumaenen_Foto_von_Bettina_Stoess„Hmm – lecker!“ Mit kindlicher Begeisterung kaut die junge Anhalterin Dschina (Hilke Altefrohne) auf einem Duftwunderbaum herum. Die falsche Handhabung bekannter Dinge gehört zu den Standard-Gags:Eine Gabel wird zum Lockenwickler, eine Scherbe zum bestaunten Schatz. Im Stück „Zwei arme Polnisch sprechende Rumänen“ der polnischen Skandalautorin Dorota Mastowska zieht der Wunderbaum die Grenze zwischen Polen und Rumänien.

Regisseur Armin Petras lässt in seiner Inszenierung im Gorki Studio die junge Frau, die mit ihrem Kumpel Parcha von einer Party auf dem Rückweg nach Warschau ist, auf einer XXL-Version des Duftutensils herumkauen.
Rumänen haben in Polen ein Image wie die Polen hier: arm und kriminell. Petras’ Inszenierung lebt von den Übertreibungen dieser Klischees: Er steckt das Tramper-Pärchen, das anfangs noch in weißer Unterwäsche auf der Bühne steht, in wallenden Zigeunerrock und Jogginganzug (Kostüme: Karoline Bierner). Und bevor sie richtig loslegen, müssen sie sich noch die Zahnlücken mit schwarzer Schminke aufmalen. In einem choreografierten Unterschichten-tanz demonstrieren Dschina und Kumpel Parcha (Andreas Pietschmann) zu Balkan-Pop gängige Vorurteile: klauen und saufen und Flohbisse kratzen.

Als moderne Hänsel-und-Gretel-Ausgabe irrlichtert das Pärchen danach orientierungslos durch die verstörend surreale Wintermärchenlandschaft. Per Videoclip rieselt der Schnee im Hintergrund, aus einem großen Sack rieseln später die Styroporflocken gen Bühnenboden, und dazwischen darf ein echter Eisblock die Kälte der modernen Gesellschaft illustrieren (Bühne: Annette Riedel).
Nicht nur die Symbolik ist schlicht, auch die Requisite setzt auf Low-Tech: Eine Taschenlampe in einem blauen Plastikbecher bildet ein Zwei_arme_polnisch_sprechende_Rumaenen_Foto_von_Bettina_StoessBlaulicht, eine gelbe Schreibtischlampe muss gar als Kommissar im imaginären Verhör fungieren. Zu den abgefuckten Dialogen (Er: „Sex ohne Liebe, das will ich nicht mehr“ – Sie: „Wir haben doch gar nicht gefickt“) werden ein paar Clips an Rück- und Seitenwände geworfen.
Petras und sein Ensemble unterstreichen die abgeklärte Trostlosigkeit des Textes mit charmantem Understatement. Eine gekonnte Fingerübung. Routiniert auf die Bühne gerotzte Tristesse. Den finalen Selbstmord gibt’s nur virtuell: Im Video blutet sich Dschina-Gretel mit aufgeschnittener Halsschlagader das T-Shirt voll.

Text:
Björn Trautwein
Fotos: Bettina Ströss

Interview mit Armin Petras hier



Zwei arme Polnisch sprechende Rumänen

Gorki Studio, Hinter dem Gießhaus 2, Mitte,
Mo 6.10., 20 Uhr; Fr 24.10., Di 4.11., 20 Uhr
Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets

 

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