Theater

„Zwei Krawatten“ im Heimathafen Neukölln

Zwei_KrawattenWarum haben Sie Georg Kaisers „Zwei Krawatten“ von 1929 ausgegraben??
Auf den ersten Blick funktioniert „Zwei Krawatten“ einfach als perfekte Theatermaschine: Tür auf, Tür zu. Mit dem Charme eines guten Heinz-Rühmann-Films. Wenn eine Szene beginnt, weiß man schon, wie sie endet. Dass das dann tatsächlich passiert, ist anrührend. Es ist eine Welt voller Sentimentalität. Ein Kellner  rutscht zufällig in die Welt der Reichen und Mächtigen, tappt durchs Sehnsuchtsland Amerika.

Und auf den zweiten Blick??
Ist „Zwei Krawatten“ thematisch doch sehr nahe an Kaisers bekanntestem Stück „Von morgens bis mitternachts“. Es überprüft den Wert von Geld als ein Mittel, um glücklich und frei zu sein. Diagnose: nicht tauglich. Nach der ersten Probenwoche hatte ich eine kurze Depression und dachte: Oh Gott, ohne ihren Zeitzusammenhang ist diese Revue bodenlos, nur Oberfläche. Aber die Figuren sind um die 30, haben im Ersten Weltkrieg im Graben gelegen, erleben gerade die Weltwirtschaftskrise und werden vier Jahre später munter in den Nationalsozialismus hineinmarschieren. Es geht immer darum, ob sich der Mensch verändern, verbessern kann. Dieser Glaube ist absolut und trägt Züge ins Unglück hinein.  

Und wie schauen Sie auf der Bühne unter die Oberfläche??
Der erste Ansatz, die Unterhaltsamkeit aufzubrechen, ist die Besetzung: Wir haben nicht Marlene Dietrich, sondern Bärbel Bolle. Ein Bühnen-Fabelwesen, vom Klischee der lasziven amerikanischen Kapitalistin weit entfernt. Oder Frank Büttner als Senator, der sein Coming-out als Alkoholiker und Frauenfreund hat. Gemeinsam haben wir schon an der Volksbühne volkstheatert und bedienen uns der Revue, ohne uns von ihr begraben zu lassen. Es geht immer auch darum, die Maschinerie sichtbar zu machen und das in ihr Eingeschriebene lesbar. Bei Kaiser hat das Stück ein unheimliches Happy End. Für mich ist die Sehnsucht nach diesem Happy End viel interessanter. 

Interview: Anja Quickert
Foto: Verena Eidel


Termine: Zwei Krawatten

im Heimathafen Neukölln,
Premiere: 12.4., weitere Termine u.a. 14., 15., 22.4., 20 Uhr,
Tickets: 61 10 13 13

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