Theater

Zweifelhafte Geschöpfe

Im Theater hat der Wahnsinn Ausgang. Im Theater sieht man, wie kaputt und böse Menschen sein können. Man nennt diese Begegnung mit der Geisterbahn Katharsis. Das bedeutet: Meet the Monster. Da passt es, dass die hochdekorierte Berliner Suhrkamp-Autorin und Büchnerpreisträgerin Sibylle Lewitscharoff im Schauspiel Dresden eine kultiviert formulierte, im schwäbischen Bekenntnis-Tremolo vorgetragene Rede gehalten hat, die an selbstgerechter Menschenverachtung nichts zu wünschen übrig ließ. Frau Lewitscharoff äußerte sich zu den großen Fragen: Leben und Tod und fundamentalistisches  Christentum. Ihre Rede lief darauf hinaus, dass Kinder, die nicht durch die gute alte Kopulation, sondern in vitro gezeugt wurden, im Prinzip keine Menschen seien.

Verglichen mit der modernen Reproduktionsmedizin findet die Suhrkamp-Autorin die Arier-Zucht-Anstalten der Nazis geradezu harmlos. Besonders verwerflich sind für die kinderlose Frau Lewitscharoff übrigens Lesben, die gemeinsam ein Kind aufziehen. Dass die bekennende Christin für ein „Onanieverbot“ eintritt, ist dann schon wieder komisch: Was sollen die katholischen Geistlichen, die zur Triebabfuhr keine Kinder vergewaltigen, denn dann machen?

Ich kann Sibylle Lewitscharoffs literarisches Werk nicht beurteilen. Nachdem der Kollege Rebhandl im tip einen ihrer Romane empfohlen hatte, habe ich mir das Buch gekauft. Aber dann bin ich beim Versuch, es zu lesen, jedes Mal eingeschlafen. Frau Lewitscharoff findet in vitro gezeugte Kinder etwas widerlich, nämlich „zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weiß- nicht-was“. Weshalb sagt sie nicht gleich: lebensunwertes Leben?

Mein Schwager Markus und seine Frau Elke haben sehr lange darum gekämpft, Kinder zu bekommen. Ihre Tochter und ihr Sohn wurden in vitro gezeugt. Die Tochter ist acht, der Sohn fünf Jahre alt. Ich kenne beide seit ihrer Geburt. Es sind fürchterliche Nervensägen, vor allem die Tochter. Wer Verwandte mit kleinen Kindern hat, weiß, wovon ich rede. Wer diese Kinder „zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weiß-nicht-was“ nennt, kann sich gerne jederzeit eine Ohrfeige bei mir abholen. Ich glaube nicht, dass ich irgendwann noch mal Lust habe, in ein Buch von Frau Lewitscharoff zu schauen.

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