Theater

Zwiespältig: „Ozean“ in der Volksbühne

Ozean_inszeniert_von_Frank_CastorfDie erste Strophe des Deutschlandliedes hört man zurzeit öfter in Berliner Theatern. Bei „Sein oder Nichtsein“ im Deutschen Theater kommt es vom Band – ein harmloser Witz wie die ganze Inszenierung. In der Volksbühne zieht sich der offenbar durch nichts zu erschütternde Frank Bütt­ner aus, stellt sich in schwarz-rot-goldener Unterhose an die Rampe und schmettert ungerührt sein „Deutschland, Deutschland über alles …“ in den Zuschauerraum. Nach dieser Schändung des deutschnationalen Lied­guts wischt sich der Schauspielkünstler im Ganzkörpereinsatz den Hintern ab – rüde und müde wie die gesamte Viereinhalbstunden-Inszenierung, mit der Frank Castorf die renovierte Volksbühne nach dem Umbau wieder eröffnet.

Castorf hat „Ozean“ inszeniert, einen schwer tiefgründelnden Kolportage-Schinken, geschrieben 1921 von einem heute wohl nicht zu Unrecht weitgehend vergessenen Autor namens Fried­rich von Gagern. „Ozean“ spielt 1849 auf dem Zwischendeck eines Auswandererschiffs unter Prostituierten, Gottsuchern, verkrachten Revolutionären, Projektemachern, Proleten, religiösen Fanatikern, Anarchisten – mensch­liches Strandgut, das im weiten Kalifornien sein Glück suchen will, unterwegs gegen den Kapitän des Schiffes meutert und natürlich prompt Schiffbruch erleidet. Unterwegs hält der Revolutionsdichter Wiegand große Reden (Max Hopp), der 1848er- Barrikadenkämpfer Herczy krault sich den Rauschebart (immer eine Freude: Michael Schweighöfer), ein verstrahlter Möchtegernmusiker nölt penetrant seine Balladen (Mex Schlüpfer), eine Hafennutte (Anne Ratte-Polle) rezitiert wie schon in früheren Castorf-Nächten wieder mal Artaud, und ein rätselhafter, walfischförmiger Fremdling liefert sich im Todeskampf ein Duell mit Gott (großartig: Volker „der Untergang des Abendlandes“ Spengler). Das zieht sich.


Ozean_inszeniert_von_Frank_CastorfObwohl sich Castorf stoisch an die wuchtige Vorlage hält, hat er in Wirklichkeit natürlich nicht von Gagerns Werk inszeniert, sondern den Zustand des Leck geschlagenen Totenschiffs am Rosa-Luxemburg-Platz. All die Selbstzitate, vom Deutschlandlied bis zur Artaud-Leier, all die verbrauchten Stilmittel, die zerdehnten Szenen, der Leerlauf, die Penetranz, die demonstrative Komplettgleichgültigkeit gegenüber professionellen Mindeststandards in der Schauspielkunst – alles, was früher bei Castorf toll war, wirkt hier nur noch verbraucht und wird gerade in dieser müden, abgefuckten, ratlosen Verbrauchtheit noch einmal vorgeführt und in einer Geste brutaler, gegen sich selbst rück­sichtslosen Ehrlichkeit ausgestellt – und das hat dann eben doch, jedenfalls für jemanden, der das Castorf-Theater in seinen tollen Jahren geliebt hat, etwas zutiefst Anrührendes. Man sieht die Ruine eines einst prächtigen Gebäudes. Der endlose, zähe, zerfahrene Abend, der das Publikum auf den Seesäcken im Zuschauerraum eine halbe Nacht lang in Geiselhaft nimmt, ist eine Zumutung – aber man sieht diesen verlorenen Gestalten auf der Bühne, den traurigen Überresten einer ans Ende gekommenen (Theater-)Revolution nicht ohne Melancholie zu.

Text: Peter Laudenbach
Fotos: Thomas Aurin

(tip-Bewertung: Zwiespältig)

Termine: Ozean

in der Volksbühne, (Adresse/Googlemap)
TICKETS HIER

 

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