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Theatertreffen 2017 – Pfusch vom Feinsten

Jede Menge Medienjunkies, Wohlstandsdepressive und Borderline-Patienten beim diesjährigen Theatertreffen

Die Borderline Prozession Ein Loop um das, was uns trennt von Kay Voges, Dirk Baumann und Alexander Kerlin Regie Kay Voges Schauspiel Dortmund, Foto: Marcel Schaar

Der Mai ist gekommen, die Kritiker schlagen aus: Das Berliner Theatertreffen mit seiner Auswahl der zehn nach Ansicht einer unbestechlichen Kritikerjury bemerkenswertesten Inszenierungen der Spielzeit sorgt mit schönster Zuverlässigkeit für Gemäkel. Zu wenig eingeladene Frauen! Zu viel (oder zu wenig) Performance, Politik oder Pop! Zu wenig (oder zu viele) Veteranen oder Jung-Künstler! Oder von beidem die falschen! Erst wenn das Gemäkel der lieben Kollegen irgendwann abebben sollte, müsste man sich um das Theatertreffen ernsthaft Sorgen machen. So lange die Auswahl für Streit sorgt und für allerlei wagemutige Trend-Behauptungen herhalten muss, bleibt das Theatertreffen das wichtigste Festival des deutschsprachigen Theaterbetriebs.

In diesem Jahr hat die Jury nach der Sichtung von insgesamt 377 Inszenierungen offenbar wenig falsch gemacht. Wenn man ihr etwas vorwerfen kann, ist es die Ignoranz, Marthalers „Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter“ und Castorfs „Brüder Karamasow“ zu unterschätzen. Das Spektrum der Ästhetiken ist erfreulich breit gefächert; die Mischung aus bekannten Namen und TT-Novizen garantiert Aufmerksamkeit und spricht für eine gewisse Grundneugier. Übertriebene Vorsicht oder fehlende Entdeckungsfreude, die Todsünden jedes Festivals, kann man der reisefreudigen Jury jedenfalls nicht vorwerfen.

Die aufwändigste, mit Sicherheit für schöne Kontroversen sorgende Produktion aus dem inzwischen recht dicht besiedelten Grenzgebiet zwischen Installation, Performance und Medienkunst kommt aus dem Schauspiel Dortmund, das schon länger effektbewusst Theater mit Kino und Pop kurzschließt. Kay Voges, der Dortmunder Intendant, stürzt den Besucher seiner „Borderline Prozession“ in einen Bilder-Wirbelsturm, ein Delirium aus dem Inneren der Gesellschaft des Spektakels – sozusagen die gute alte Medienkritik in Überdosis und 3-D und mit offenbar hoher Erlebnis-Intensität. Über den Erkenntnisgewinn kann man vermutlich streiten, aber zumindest am immersiven Wumms dürfte kein Mangel herrschen. Die Rede von der bewusstseinstrübenden Entertainment-Flutung und vom „Verschwinden der Welt in den Bildern“ (Heiner Müller) ist zwar nicht ganz neu, aber deshalb nicht falsch – und als Stoff und Thema der Theater-Bild-Produktion immer wieder ergiebig.

Ebenfalls jenseits des konventionellen Erzähltheaters bewegen sich die Performance-Veteranen von Forced Entertainment. Auch sie plündern mit „Real Magic“, einer Koproduktion des HAU, Formate der Unterhaltungsindustrie. Im Setting einer Quizshow spielen sie Wiederholungszwänge und die irritierende Beobachtung durch, dass wir uns in ständig wiederkehrenden Mustern bewegen. Erfreulicherweise nutzt das HAU das Gastspiel für einen kleinen Forced Entertainment-Schwerpunkt – sozusagen das Beiboot-Festival zum Haupt-Festival, das wir jedem Performance-Interessierten mit Sinn für sarkastische Scherze und selbstreflexive Künste nur empfehlen können.

Nicht um wilde Bilder, sondern um wilde Zeiten geht es in Peter Richters autobiographischem Dresdener Wende-Roman „89/90“. Die erfrischende, gerne trashige und eigentlich nie langweilige Regisseurin Claudia Bauer hat ihn am Schauspiel Leipzig ohne historisierende Patina, dafür mit Lust an der Anarchie inszeniert. Für erhöhten Diskussionsbedarf könnte Milo Rau mit seinem Stück über den Kindermörder Dutroux sorgen („Five Easy Pieces“) – sicher ein Höhepunkt des Festivals.  Mehr dazu auf den folgenden Seiten.

Five Easy Pieces von Milo Rau, Foto: Phile Deprez

Voges, Bauer und Forced Entertainment sind zum ersten Mal beim TT. Der derzeit als Shooting Star gehandelte Gesamtkunsthandwerker Ersan Mondtag ist zum zweiten Mal in Folge eingeladen. Auch er versteht sich auf Effektkalkül und überbordende Bilderwelten. Bei „Die Vernichtung“ (s. Foto) aus dem Theater Basel koppelt er Olga Bach sozialrealistisches Drama über junge Leute in der Lebenslangeweile-Krise mit psychedelischer Science Fiction und düsteren Dystopien.
Wenn wir gerade bei den Freuden der Psychodelik sind: Wie schön, dass auch Theatertreffen-Stammgast Herbert Fritsch wieder dabei ist! Diesmal mit seiner letzten Inszenierung an der Volksbühne mit dem sprechenden Titel „Pfusch“ und einer großen Röhre, in die wir Volksbühnen-Groupies demnächst schauen können.

Von LSD und Paralleluniversen versteht auch der Sensibilist und Atmosphären-Forscher Thom Luz etwas, zumindest hat er eine seiner Inszenierungen dem Entdecker des LSD gewidmet. Nach einer eher braven, etwas uninspirierten Inszenierung an den DT-Kammerspielen („Der Mensch erscheint im Holozän“) ist ihm mit „Traurige Zauberer“ am Staatstheater Mainz jetzt offenbar wieder eine dichte, schön in die eigene Welt eingesponnene Inszenierung gelungen.

Nach all diesen Narrations-Verweigerern wäre man natürlich froh über einen wuchtigen Klassiker, der noch mal die großen Fragen stellt: zu Freiheit und ihren gefährlichen Räuschen, zu kollektiven Identitäten und ihrem Terror zum Beispiel. Dafür wäre Ulrich Rasche mit seiner Münchner „Räuber“-Inszenierung zuständig gewesen. Aber weil die nicht nur groß gedacht, sondern auch wuchtig gemacht ist, sprengt sie die technischen Möglichkeiten der Berliner Bühnen und kann nur als Video gezeigt werden. Schade. Aber demnächst kann man mehr von Rasche sehen. Er wird ab kommender Spielzeit am neuen Berliner Ensemble inszenieren.
Klassiker gibt es natürlich trotz des „Räuber“-Ausfalls. Für solides Erzähltheater steht Johan Simons „Schimmelreiter“ aus dem Hamburger Thalia Theater. Der als Regie-Wunder gehypte Simon Stone eröffnet das Festival mit einer in die Wohlstandsdepression der Gegenwart gerückten Variante der „Drei Schwestern“ aus dem Theater Basel. Sex und Suff im Glashaus sind als Befindlichkeitsstörungen zum Auftakt eines Festivals im Haus der Berliner Festspiele ja schon mal nicht das Schlechteste.

Theatertreffen 2017 6. – 21.5., Termine im Tagesprogramm oder auf www.berlinerfestspiele.de

Übersicht:

Drei Schwestern
Theater Basel
Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne Sa 6. + So 7.5., 19.30 Uhr

Die Borderline Prozession
Schauspiel Dortmund
Rathenau-Hallen So 7. – Do 11.5., 20 Uhr

Der Schimmelreiter
Thalia Theater, Hamburg
Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne Di 9.5., 19 Uhr + Mi 10.5., 19.30 Uhr

Real Magic
Forced Entertainment /
PACT Zollverein, Essen
HAU Hebbel am Ufer (HAU2) Di 9. + Do 11.5., 20 Uhr, Mi 10.5., 17 Uhr

Five Easy Pieces
International Institute of Political Murder und CAMPO Gent
Sophiensæle / Haus der Berliner Festspiele Sa 13. + So 14.5. / Sa 20. + So 21.5.

89/90
Schauspiel Leipzig
Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne So 14. + Mo 15.5., 19.30 Uhr

Traurige Zauberer
Staatstheater Mainz
Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne Mi 17.5., 19.30 Uhr + Do 18.5., 16 und 21 Uhr

Pfusch
Volksbühne
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Do 18.5., 19.30 Uhr + So 21.5., 17 und 21.30 Uhr

Die Vernichtung
Konzert Theater Bern
Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne Sa 20.5., 20 Uhr + So 21.5., 17 Uhr

Die Räuber
Residenztheater, München
Film-Preview der 3sat-Fernseh­aufzeichnung
Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne So 21.5., 19.30 Uhr

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