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„There ist no end to more“ im HAU2

Der Amerikaner Jeremy Wade ist der Extremist unter den in Berlin lebenden Choreografen. Er ist einer, der seine Tänzer zum Beispiel eine Stunde lang mit aufgerissenen Mündern agieren lässt. Bis man sich diesem Bild eines endlosen, unstillbaren, furchtbaren Hungers unmöglich entziehen kann. Oder er lässt sie unaufhörlich hin- und herzappeln zwischen dem, was sie sich zu tun wünschen – zum Beispiel die Nase in das Arschloch des Vordermannes rammen – und dem, was ihnen ihre Erziehung erlaubt. Im Kos­mos von Jeremy Wade, der seit drei Jahren in Berlin lebt, sind wir nämlich alle so etwas wie traurige, dressierte Tiere. Unaufhörlich kämpfen wir mit unseren widerstreitenden Empfindungen – unseren irgendwie noch deformiert vorhandenen Instinkten und den Masken, unter denen wir sie zu verbergen suchen.
Doch was passiert, wenn die Oberfläche die Oberhand gewinnt? Wenn das, was darunter brodelt, kein Durchkommen mehr findet, durch diese hermetisch abgeschlossene Schicht? „There is no end to more“ heißt Jeremy Wades neuestes Stück, das er jetzt im HAU 2 zur Uraufführung bringt. Vier Wochen hat Wade dafür in Tokio recherchiert. Denn angetan von seinen grotesken Fantasien, hat die New Yorker Japan Society ihm Geld für ein neues Stück gegeben. Kein Wunder, ähnelt Wades bizarres Körpertheater mit all seinen grotesken, extremen Verrenkungen doch dem japanischen Butoh-Tanz. Auch in seiner Härte und seinem konsequenten Durchhalteduktus. Verbunden war die Recherche allerdings mit dem Auftrag, sich mit dem Leben in Tokio und vor allem mit der dortigen Manga-Kultur zu befassen.
Wade ist nicht so leicht zu beeindrucken – dafür hat er schon zu viel erlebt. Zum Beispiel, als er sich als GoGo-Tänzer in New Yorker Nachtclubs seinen Lebensun­terhalt verdient hat. „Aber Tokio“, sagt er, „das war ein Schock.“ Noch nie zuvor war Wade an einem Ort, der so restlos von Disziplin durchdrungen ist. Unglaublich war es für ihn, wie in dieser übervölkerten Stadt die Menschen so sauber und geordnet zusammenleben können und sich als Ventil keine Wutausbrüche, keinen Schmutz, keine Verwahrlosung erlauben. Stattdessen, so Wade, herrsche als Kompensation der Terror der Infantilisierung und Verniedlichung. Gerade die gän­gigen Manga mit all den süßen, kindlichen Plastikgesichtern sind für ihn das beste Beispiel. Manga sind eines der Hauptsäulen des japanischen Verlagswesens. Sie machen fast 40 Prozent aller japanischen Druck­sachen aus. Statis­tisch gesehen kauft jeder Japaner 15 Manga pro Jahr. Wade erging es mit den Manga wie mit Süßigkeiten. Ein Teil macht Spaß, zwei auch noch. „Aber wenn es nichts anderes gibt, dann wird einem kotzschlecht.“
Nicht die Manga-Kultur, sondern die kawaii-Kultur schlecht­hin – auf Deutsch heißt Kawaii soviel wie niedlich – hat Wade zum Ausgangspunkt seines Stücks gemacht. Statt cool wie in Europa sind die japanischen Kids kawaii, wobei dies in Wades Theorie eine besondere Form der Aggression ist. Eine der scheinbar ge­horsamen, die aber tat­säch­lich durch totale Regression alle disziplinarischen Anforderungen un­ter­läuft.
Zusammengearbeitet hat Wade für sein Stück mit dem Manga-Zeichner Hiroki Otsuka, dessen Website die Besucher mit dem Spruch
„Ich bin über 18 und darf herein“ begrüßt. Hiroki Otsuka zeichnet Erotik-Mangas, in denen alles durcheinandergerät. Dem Leser wird jeder Boden entzogen, Kategorisierungen funktionieren nicht mehr, auch nicht die von schwul, von Bi- oder Trans- oder Heterosexualität. Überall lauert eine nächste Falle. Was sich Otsuka für „There is no end to more“ ausgedacht hat, dürfte also interessant werden.
Das Stück, das sie entwickelt haben, erzählt Wade, sei eine Art Kinderfernsehen. Eine Tele­tubby-­Show mit Jared Gradinger als einzigem Darsteller. Gradinger, gestählt bereits durch seine Stücke mit der Choreografin Constanza Macras, ist der Entertainer, der durchs Kinderprogramm führt. In eine Welt voller Regenbögen und Sterne, die vor unseren Augen zer­fällt und ins Nichts führt. In die unheimliche Leere, in Orte, so lange verlassen, bis nur noch das Grauen übrig bleibt. Dabei war das mal das, was man Seele nannte. Ein Stück über Japan, sagt Wade, habe er nicht gemacht. Das hätte er anmaßend gefunden. Er hat dort nur ein Extrem besichtigt. „Es ist“, sagt er, „ein Stück über uns.“

Text:
Michaela Schlagenwerth

Termine:
There is no end to more, im HAU 2, Mi 25. bis Fr 27.11., 20 Uhr, Karten: 25 90 04 27   

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