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Uraufführung

Thomas Melle über sein neues Stück „Versetzung“

„Sich mit seinen Abgründen auseinandersetzen“ – Thomas Melle über sein neues Stück „Versetzung“, die Bühne als Soziallabor und einen manisch-depressiven Lehrer

Foto: Dagmar Morath

tip Herr Melle, auf das Risiko, dass Sie die Frage nicht mehr hören können: Wie geht es Ihnen?
Thomas Melle Danke, gut, etwas erschöpft bin ich. Wie geht es Ihnen?

tip Mir geht’s gut, meistens. Sie haben vor ­einem Jahr in Ihrem Buch „Die Welt im ­Rücken“ bewundernswert ehrlich und genau über Ihre manisch-depressiven Krankheitsschübe geschrieben. Die Hauptfigur Ihres neuen Theaterstücks, der Lehrer Ronald Rupp, hat im Stück vor zehn Jahren an der gleichen Erkrankung gelitten. Wie nah, wie fremd ist er Ihnen?
Thomas Melle Zunächst einmal so fremd und nah wie alle anderen meiner Theaterfiguren. Ich habe ihn, völlig abgekoppelt von mir, als echte Figur entworfen, die mit mir kaum etwas gemein hat – und doch natürlich ähnlichen Dynamiken und Reaktionen ausgesetzt ist. Das bringt diese Krankheit einfach mit sich, und ja, da bin ich nun einmal sozusagen „Experte des Alltags“. Überhaupt ist der Ansatz hier nicht so radikal subjektiv wie bei der „Welt im ­Rücken“ – obwohl es durch diese zugespitzte Subjektivität ja auch eine große Verallgemeinerungskraft hatte – sondern so etwas wie eine Versuchsanordnung, ein echtes, fast ­parabolisches Stück, ein Drama mit Plot und Figuren. Denken Sie sich gerne auch eine ­Kamera dazu, die das Ganze filmen könnte. Ronald denkt sie irgendwann eh mit.

tip Werden Sie zum Spezialisten für die literarische Bearbeitung einer bipolaren Störung? Hilft es, das eigene Krankheits­lebensthema immer neu literarisch zu verarbeiten?
Thomas Melle Ich bin auf dem Weg, kein Spezialist mehr zu sein. Denn ich habe nun genug gesagt zu dem ganzen Komplex, zur Krankheit und vor allem zu mir. Das ist alles im Buch aufgehoben. Ich fand es jedoch fast zwingend, auch befreiend, mich dem Ganzen zum Schluss noch einmal von einer anderen Seite zu nähern, „dramaturgisch“ nämlich, quasi objektiv, mit dem Theater als Schaubühne, als Soziallabor; die Krankheit als Story im Guckkasten, in dem man die Dinge verhandeln kann. Mit mir als konkreter Person hat „Versetzung“ kaum mehr was zu tun, mit meiner Erfahrung aber auf abstrakter Ebene noch immer viel. Von mir wird es nun allerdings für sehr lange Zeit ­keine weitere Bearbeitung des Krankheitskomplexes mehr geben, vielleicht für immer.

tip Die anderen Lehrer, auch die Eltern reagieren in Ihrem Stück mit großer Härte und kaum kaschierter Verachtung und Panik auf das Bekanntwerden von Ronald Rupps Krankheitsvorgeschichte. Weshalb löst das solche Abwehrreflexe aus?
Thomas Melle Ich finde, es wird durchaus abgewogen im Stück, es gibt Leute, die Ronald Rupp mit großer Sympathie und Anteilnahme entgegenkommen, die ihn halten wollen, zunächst jedenfalls. Ich kann beim besten Willen keinen Schuldigen erkennen, das ist ja das Tragische: Die Dynamik kommt fast von selbst über die Beteiligten. Dass Eltern und Kollegen in Panik und Misstrauen verfallen, wenn ein „psychisch Kranker“ ­Direktor werden soll, kann ich sogar verstehen. Nur sollte man vielleicht genauer zuhören, was Ronald eigentlich zu sagen hat darüber. Stattdessen riegeln sie ihn ab, texten ihn zu, sehen für sich sogar Chancen, statt seiner ­befördert zu werden – und so wird er, in die Ecke gedrängt, wieder zum Unsicherheits­faktor. Weil die anderen Leute, zumal in einer Schule, die ja für Sicherheit sorgen soll, solche Unsicherheitsfaktoren ständig abstrakt ­spüren, sich vor ihnen fürchten, ihrer aber nicht habhaft werden können – und ist dann einer da, der es sozusagen verkörpert, dann heißt es: Nichts wie drauf auf ihn.

tip Diese Lehrer, Schüler und Eltern sind ihrer­seits nicht frei von Verhaltensauffällig­keiten – vom freilaufenden akademischen Wutbürger über unglückliche Kinder und karrierefrustrierte Beamte bis zur sexuell verstörten Mutter. Wird in dieser Umgebung die Vorstellung von seelischer Gesundheit selbst zur Fiktion?
Thomas Melle Einigen wir uns auf die „üblichen Verhaltens­auffälligkeiten“, die hier zu besichtigen sind, was ja dann eine contradictio in adiecto wäre: Denn das Übliche ist eigentlich nicht mehr auffällig, oder? Ich glaube, gerade Ronald ist in gewissem Sinne sogar der Gesündeste von allen, da er sich mit seinen Abgründen bereits auseinandersetzen musste, da er ein reflektierteres und relatives Konzept von „Gesundheit“ hat. Aber er hat seine Vergangenheit verschwiegen. Hat er allein Schuld an dem Drama, das folgt, oder ist es nicht vielmehr verständlich, so etwas zu verschweigen, unter den gegebenen Umständen? Ich denke, das Stück schlägt sich auf keine Seite und versucht, präzise und gerecht zu bleiben, bei aller Drastik.

tip Von „Fack ju Göhte“ oder „Frau Müller muss weg“ bis zu Ihrem Stück – weshalb ist der Mikrokosmos Schule als Stofflieferant so beliebt?
Thomas Melle Die Schule zeigt die Machtstrukturen en ­miniature. Bei Ronald hatte ich zuerst an einen Politiker gedacht, dann habe ich mich aber gefragt: Warum denn in so einer Größe und Distanz denken? Warum nicht ein Lehrer, ­dessen Fallhöhe ja eigentlich genau so hoch ist, der die Verantwortung noch viel konkreter und direkter spürt? Auch in der Schule findet Politik statt, Interessenpolitik. Es geht um „unsere Kinder“, es geht um die Zukunft, es geht um soziale und mentale Hygiene, es birgt die ganze Ideologie einer Gesellschaft und die Kämpfe darum. Wie die Lehrer miteinander umgehen, die Hierarchien innerhalb der Schule und der Elternschaft, Elternabende, die wie basisdemokratische Zusammenkünfte abgehalten werden – da gibt es viele Parallelen zum politischen System. Ich finde, dass das Problem, von dem ich erzähle, anhand dieses Berufsbilds nachvollziehbarer, fast sogar dringlicher wird.

tip Schöne Vorstellung: Gesundung, Rückkehr zur Normalität. Gibt es das überhaupt?
Thomas Melle Ronald jedenfalls versucht es mit Haut und Haar, und man kann ihm bei diesem Versuch sogar auf der Bühne zusehen und sich sein eigenes Urteil bilden. Ansonsten ist das eher eine Frage für einen langen Essay, aber nicht mehr für mich.

tip Weshalb ist der Einbruch einer Bewusstseinsstörung oder auch nur die Furcht ­davor theatralisch so ergiebig?
Thomas Melle Es ist einfach hochdramatisch, wenn einer sich selbst verliert, wenn er austickt und seinem Alltag, seiner Umgebung ungewollt den Krieg erklärt. Und am Abnormalen, an der Abweichung zeigt sich die Norm noch einmal viel schärfer, ihre Mechanismen, ihre Zurichtungen, ihre Ausschlüsse, ihr Glück und ihr Unglück.

tip Sie sagten, dass Sie vielleicht vom „Schriftsteller des Unglücks“ zum „Schriftsteller des Glücks“ werden. Sind Sie in Ihrem neuen Stück eher dem Unglück treu geblieben?
Thomas Melle Ja, dieses Zitat, das mich nun immer wieder unglücklich macht und doch auch lachen lässt! Dann sage ich es diesmal so: Nein, ich kämpfe noch immer um eine Leichtigkeit – was ein Widerspruch aber, nicht wahr, um Leichtigkeit zu kämpfen? Vielleicht bilde ich beides einfach sehr kontrastreich ab, Glück und Unglück, und komme der Wirklichkeit damit sogar näher als mit irgendwelchen programmatischen Ansagen. Jedenfalls freue ich mich darüber, dass solche Gedanken überhaupt wieder möglich sind. Das Stück allerdings hat seine eigene und eher schwere Wahrheit, das stimmt.

Termine: Deutsches Theater Eintritt 23/30, erm. 9 €

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