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Konzertsommer fällt aus: Warum die Ticketrückgabe oft schleppend läuft – und es jetzt Gutscheine gibt

Es hätte so ein schöner Konzert-Sommer werden können – besondere Open-Airs, kleine, aber feine Shows. Doch: Corona hat der Industrie (und vor allem auch den Künstler*innen) das Geschäft versaut und den Musikfans ihr Vergnügen genommen. Was verwirrt: Die Politik einiger Veranstalter. Die Logik der Ticketrückgabe irritiert sehr. Zumindest oberflächlich.

Denn: Noch längst sind nicht alle Konzerte abgesagt, die definitiv nicht stattfinden werden. Noch immer sind nicht alle Tickets storniert. Und nicht immer gibt es Geld zurück. Wir erklären, woran es liegen kann.

Beispiel 1: Björk auf der Waldbühne

Björk Beim Berlin-Festival 2013. Offiziell abgesagt ist ihr Auftritt 2020 noch nicht, nichts zur Ticketrückgabe bekannt – auch, wenn es keine Chance gibt, dass er stattfindet. Foto: Imago/Star-Media
Björk Beim Berlin-Festival 2013. Offiziell abgesagt ist ihr Auftritt 2020 noch nicht, nichts zur Ticketrückgabe bekannt – auch, wenn es keine Chance gibt, dass er stattfindet. Foto: Imago/Star-Media

Wenn die Isländerin Björk mit dem Rundfunk-Orchester auf der Waldbühne aufspielen will, muss man damit rechnen, dass durchaus mehr als 5.000 Menschen vorbeikommen. Das wäre schon einmal bis Ende August ausgeschlossen, terminiert ist Ende Juli. Warum also gibt es zum Beispiel auf tickets.de sogar noch Karten zu kaufen?

Denn selbst, wenn die Gute nicht an glorreiche Zeiten anknüpfen und nur die Hälfte der Waldbühne ausverkaufen würde – es wären wohl immer noch zu viele Zuschauer für die bis dahin anzunehmenden Lockerungen.

Tickets.de erklärt dazu online zum Beispiel: „Wir versichern Euch, dass unser Team mit allen Kräften an Lösungen für alle Konzerte arbeitet und hoffen gleichzeitig auf Euer Verständnis, dass dies noch ein paar Tage in Anspruch nehmen kann.“

Das kann natürlich alles bedeuten. Ein Mitarbeiter einer großen Konzertagentur erklärt uns dazu: „Es geht gerade bei den Großveranstaltungen um wirklich viel Geld. Und die Frage, was wann erlaubt ist und was nicht: Wird eine Veranstaltung abgesagt, die letztlich doch hätte stattfinden können, ist das versicherungstechnisch ganz anders zu bewerten als wenn sie die Absage unabdingbar war.“ Zudem ist den Veranstaltern natürlich vor allem wichtig, dass möglichst wenig Verlust gemacht wird.

„Das funktioniert in den meisten Fällen, indem Ausweichtermine gebucht werden. Heißt: Wenn eine Björk einfach ein Jahr verschiebt, dann hat man nicht den Rattenschwanz aus Verträgen, Mieten, Gagen und so weiter, um den man sich dann kümmern muss.“ Zudem bleibt das von den Fans bereits investierte Geld im Haus. „Ein neuer Termin ist somit das beste, was passieren kann – sofern sich eine Show gut verkauft.“

Da nun gerade die gesamte Konzertbranche einen ausgefallenen Frühling, Sommer und möglicherweise auch noch Herbst in das nächste Jahr verschieben will, ist die Terminierung schwierig. Denn es sind bereits erste Tourneen für Winter und Frühjahr gebucht – und der Markt an Veranstaltungsorten und vernünftigem Personal endlich. „Wenn Björk mal eben mit einem Orchester anrücken will, muss das Orchester auch erstmal Zeit haben, dann die Waldbühne können und so weiter.“ Das letzte Mal war Björk mit ihrer „Vulnicura“-Tour in Berlin und sprach auch mit dem tipBerlin.

Zudem warteten einige Veranstalter auf die Entscheidung bei der Gutschein-Regelung der Bundesregierung (siehe weiter unten).

Fall 2: Lady Gaga in Paris

Jaja, Paris ist nicht Berlin. Aber: Weil der Popstar nur drei Konzerte in Europa geben wollte, haben viele Fans günstige Flüge gebucht und sich Tickets in Frankreich oder London gesichert. Und Gaga hat die gebuchten Stadien ausverkauft. Keine Chance, dass das was wird. Warum sagt Mammut-Veranstalter Live Nation nicht endlich ab.

„Zwei Gründe. Erst einmal ist es eine finanzielle Säule der Quartalsplanung. Zudem hofft man dort sicher, Karten für alles mögliche 2021 zu verkaufen und so neues Geld reinzubekommen, bevor die Fans ausgezahlt werden. Insofern es keinen neuen Termin gibt – was bei jemandem wie Lady Gaga, der 2021 eine neue Las-Vegas-Show und einen neuen Spielfilm plant, nicht ganz einfach zu organisieren ist“, erklärt der Branchenkenner.

Zudem hat Lady Gaga „Tour-Bundles“ verkauft, was vor allem in den USA für die Charts von enormer Bedeutung ist. Denn: Sobald Lady Gagas neues Album „Chromatica“ am 29. Mai erscheint, wird zu den Verkaufszahlen auch die Menge an Alben zugerechnet, die Fans über die Tour-Bundles erstanden haben. Zwar müssen die Käufer ihren Gutschein für einen Download oder eine CD auch wirklich einlösen. „Wenn man aber bei drei Stadionkonzerten 150.000 Fans da hat, und davon nur ein Teil das geschenkte Album nutzt, hat sie ohne großen Aufwand um mehrere zehntausend Exemplare höhere Verkaufszahlen – das kann dann über die Chartsspitze entscheiden.“

Würde Live Nation als vor Erscheinen des Albums die Konzerte absagen, würde ihr Schützling womöglich zigtausende Albenverkäufe weniger haben. Das muss nicht der Hintergrund sein für die Entscheidung, dass weder Künstlerin noch Veranstalter auch nur eine Silbe darüber verliert, dass die Shows in 2020 eine Utopie sind. Klingt aber im Pop-Business auch nicht wirklich abstrakt.

Beispiel 3: Zebra Katz im Prince Charles

Zebra Katz ist ein queerer Elektro-Rapper, gerade mit neuem Album am Start, wirklich grandios. Recht zeitnah wurde seine Show im Berliner Prince Charles von März auf Ende Oktober verschoben. Allerdings: Er selbst schrieb bei Instagram, alle Termine seien endgültig gecancelt. Offenbar eine Info, die noch nicht offiziell weitergegeben wurde. Denn Koka 36 hat z.B. wie andere Anbieter noch Tickets. Kundenanfrage zur Absage – die Antwort: „Wir müssen tatsächlich auf ein Statement vom Veranstalter warten, ob die Tour komplett abgesagt ist. Erst dann könen wir dir weiter helfen. Falls es so sein sollte – dein Anspruch auf eine Rückabwicklung entfällt nicht!“

Auch das ein großes Problem der Branche: Die Verwertungsketten zwischen Künstler*in und Ticketshop sind lang und oft langwierig. Gerade in den schwierigen Zeiten, deren Ende nicht absehbar ist, muss sich nur ein Vermittlungsglied nicht zurückmelden – und der Kunde muss abwarten.

Konzerttickets und keine Ahnung: Geduld, Geduld

Was heißt das also alles für den Endverbraucher? Zuerst einmal, dass alle, die immer noch auf Informationen zu ihren Konzerten warten, auch weiter abhängig von den Befind- und Erreichbarkeiten von Bookern, Künstlern, Agenturen abhängig sind. Dass vom großen Popstar bis zum kleinen Indie-Act durch die Bank Unwissenheit herrscht – oder im Zweifel die Verkaufszahlen fürs Album wichtiger sind als die Ehrlichkeit mit den Fans.

Grundsätzlich müssen Tickets für Veranstaltungen, die nicht stattfinden, zurückerstattet werden. Um die Branche nicht zusätzlich zu gefährden, hat die Bundesregierung eine Gutscheinlösung beschlossen. Die wurde just vom Bundesrat bewilligt. Dieser Gutschein kann eine Weile eingelöst werden, tut der Kunde das bis zu einer bestimmten Zeit nicht, kann er das Geld zurückverlangen. Vorteil für die Veranstalter: Die Rückzahlungen häufen sich nicht jetzt gerade enorm.

Bundesregierung hat Gutschein-Regelung entschieden

  • Gelten soll die Gutschein-Regelung für Tickets für Konzerte und andere Freizeitveranstaltungen, wenn diese vor dem 8. März gekauft wurden
  • Kunden sollen eine Auszahlung bekommen können, wenn ein Gutschein wegen persönlicher Lebensverhältnisse unzumutbar ist
  • Auch gibt es Geld zurück, wenn sie den Gutschein bis 31. Dezember 2021 nicht einlösen.

Viele Anbieter versuchen, den Eindruck zu erwecken, dass bei Verschiebungen der neue Termin akzeptiert werden muss. Dies hängt allerdings von den Geschäftsbedingungen ab – und ist in aller Regel nicht haltbar. Denn: Der Kunde muss ja nicht beim Kauf davon ausgehen, dass er zu einem anderen Termin auch können muss. Verbraucherschützen raten, da hartnäckig zu bleiben.

Vorläufig steht das Geschäft vielerorts ohnehin still – denn niemand kann wissen, wann Konzerte wieder wie gewohnt stattfinden dürfen. Bis dahin bleibt vor allem Streaming – von Clubs bis Konzerte. Die Gema kassiert übrigens auch da ab. Den Soundtrack zur Corona-Pandemie hat Douglas Greed veröffentlicht.

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