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Ich will mich nicht an den Mauerfall erinnern

Menschen auf der Mauer, 9.11.1989 am Brandenburger Tor. Foto: Harry Schnitger

Ich will mich nicht erinnern. Auch wenn es jetzt ein runder Jahrestag ist, genau 30 Jahre, seit das ostwärts bleiche Betonband, der „antifaschistische Schutzwall“, plötzlich ungeschützt im kalten Novembernachtlicht liegen blieb. Wahnsinn ohne Methode.

Aber ich will mich nicht erinnern an meinen 9. November 1989. Nicht dieses Mal. Wie sonst doch immer. 30 ist eine Zahl, kein Wert.

Ich habe viele Bücher über den Mauerfall durchgearbeitet, und Fotos und Fernsehaufnahmen. Fremdbilder. Sie sind mit den eigenen verschmolzen. Irgendwann begannen sich meine Erinnerungen wie gebraucht anzufühlen. Secondhand. Jetzt noch billiger. Alles muss raus.

Der Herbst 1989 war die spannendste Zeit meines Lebens, natürlich. Das bleibt. Es ist doch alles in mir drin. Ein Teil von mir. Ganz automatisch. Meine Erinnerung braucht keine Jahrestage.

Die Hälfte meines Lebens schien die Mauer, wenn schon nicht für immer, dann doch für ewig zu bleiben. Meine Geburt trug sich im Volkspolizei-Krankenhaus Mitte zu, im Jahr 1970. Ich bin, wie es der Reporter Jochen-Martin Gutsch vor zehn Jahren im „Spiegel“ formulierte, auch ein „Gesamtdeutscher mit sozialistischem Migrationshintergrund“.

Gutsch schrieb damals in seiner „Spiegel“-Reportage über seine Klasse in der Erweiterten Oberschule, die 1990 das letzte Abitur machte, Überschrift: „Die letzte Elite“. Auch ich habe das letzte DDR-Abitur abgelegt, aber zusammen mit einer Berufsausbildung, Facharbeiter für Nachrichtentechnik bei der Deutschen Reichsbahn. Dann bin ich wohl die letzte Elite mit Berufsabschluss. Die noch bessere Elite. Mit werktätigem Gebrauchswert.

Hinterher verlötete ich noch ein Jahr lang Fernsprechkabel an Bahnstrecken. Wenn jetzt in Frankfurt/Oder, eine unserer Montagebaustellen, ein Streckentelefon ausfällt, könnte das an mir liegen.

Eigentlich wollte ich damals Sportreporter werden. Ich konnte passabel schreiben, aber miserabel löten. Schöne Elite. Was mich betrifft: eine Elite zum Vergessen.

Ich habe mich doch oft genug erinnert. An das Kurz-Davor und das Kurz-Danach. An die sogenannte „Wende“. Demonstrationen, Mahnwachen, prügelnde Volkspolizisten, die implodierende Staatsmacht. Daran, dass die SED sogar zu blöd war, ihre eigene Mauer ordentlich zu öffnen. Daran, wie ich, wie so viele, die größte Nacht der Deutschen verschlief und einen Mitschüler am nächsten Morgen wie einen Geisteskranken anstarrte, als der erzählte, wie er des Nachts durch die Mauer ging. An den Wagen hinter dem Grenzübergang Bornholmer Straße, den ich am nächsten Nachmittag – nach der Schule – klopfenden Herzens durchquerte, wo aus dem Transporter Kaffeepakete in ein hysterisches Rudel meiner Landsleute flogen. Ich wandte mich ab und ging stumm meinem Begrüßungsgeld entgegen. Und allein.

Ich will mich nicht erinnern.

„Mich nerven die Geschichten aus einem Land, das mit den Jahren immer skurriler, schrulliger und unwirklicher wird“

Erik Heier, Redakteur beim tip Berlin
Mauerfall Berlin am Brandenburger Tor 9.Nov. 1989. Foto: Harry Schnitger

Auch nicht zum Beispiel an eine Lehrerin in der Abiturschule, die uns zum Mauerbau-Jubiläum 1988 noch zu den Grenzübergängen schicken wollte, mit unseren Geschichtsunterrichtsheften unter dem Arm. Da sollten wir den rüberkommenden Westlern erklären, wie das damals wirklich war. Unsere historisch überlegende Sicht. Hinterher wollte die Lehrerin schon immer gewusst haben, dass das nichts werden kann mit der Diktatur des Proletariats. Nach der „Wende“.

Wir waren nicht mal in der DDR ein Volk

Überhaupt: Wende. Das armselige Leitwort. Den Begriff hat ausgerechnet Honeckers Nachfolger Egon Krenz in die Welt gesetzt. Sein größter Beitrag zur Geschichte. Sein einziger. Ich kann „Wende“ nicht leiden.

„Revolution“ macht es auch nicht besser. Ein Donnerwort, das nach Helden giert. Nach Massen. Nach: Wir sind das Volk. Das Heldenvolk. Für einen Herbst, für den einen großen Moment, mit dem es fortan bitte schön zufrieden sein sollte. Ein für allemal.

Nein, ich will mich nicht erinnern.

Die DDR gibt es nicht mehr. Aber ich komme da nicht mehr raus. Ich kann gar nichts dafür. Die Mauerfalle. Gerade im Ausland war ich deshalb besonders auffällig. In Nordirland, wo ich Mitte der 90er Jahre studierte, später bei Reisen nach Holland, in die USA. Wo sich mein Gesprächswert für die anderen vor allem aus meiner Herkunft speiste. Berlin (Ost). Ostberlin. Ost-Berlin. Berlin, Hauptstadt der DDR.

Wie war das für euch Ostdeutsche, als die Mauer fiel? Hat euch der Geheimdienst nicht auch auf dem Klo belauscht (das Wort „Stasi“ kannte man im Ausland kaum)? Hattet ihr überhaupt genug zu essen? Kam man für das Gucken von Westfernsehen in Einzelhaft?

Anfangs amüsierten mich die Fragen. Später ertrug ich sie. Irgendwann konnte ich sie nicht mehr hören.

Einmal wollte ein ehemals hochrangiger amerikanischer Offizier allen Ernstes von mir wissen, wieso wir vor dem Mauerfall nicht alle viel Grund und Boden gekauft hätten. Das müsse doch billig gewesen sein im Kommunismus. Wir Ostdeutschen hätten damit später ein Vermögen machen können, fand er. Nach dem Sieg des Kapitalismus.

Ich verstand die Frage einfach nicht.

Ihr Ostdeutschen. Wir Ostdeutschen. In der DDR sollte ich immer Teil eines Kollektivs sein, eines großen sozialistischen Ganzen. Vom Ich zum Wir. Erst nach dem Umbruch wurde ich es wirklich. Ich fühle mich zwangskollektiviert. Anfang das Jahres fragte ich mich in einem anderen Text, die Debatte um die AfD-Umfragehochs in den Neuen Bundesländern kochte gerade hoch, ob ich jetzt wieder „Ossi“ sei. Nach 30 Jahren.

Mir reichte es immer völlig, Berliner zu sein. Damit hatte ich schon genug zu tun. Die DDR-Hauptstadt bekam damals exklusiv Südfrüchte und Bauarbeiter aus dem Rest des Landes. Auf unseren Klassenfahrten in die Bezirke Karl-Marx-Stadt, Leipzig oder Gera gab es deshalb von den sächsischen und Thüringer Jungs amtlich auf die Fresse.

Wir waren nicht mal in der DDR ein Volk.

Ich will mich wirklich nicht erinnern.

Alle anderen erinnern sich doch schon genug. Ich muss da leider entschuldigt fehlen.

Alle Ex-DDR-Bürger*innen haben ja ihre Geschichten. Alle haben ihre Erinnerungen. Ich gönne es ihnen. Wirklich. Jedem Einzelnen. Wer jetzt, zum Jahrestag, will und darf, schreibt Bücher oder lange Artikel. Sehr gute Bücher, auch passable, verzichtbare, ärgerliche.  Und oft erzählen Autor*innen aus dem Osten dann auch über sich. Und die Familie, die Schulklasse, die Berufsausbildung. Das lässt sich auch leichter recherchieren. Hauptsache, „DDR“, „Ostdeutsche“, „Mauerfall“ oder „Wende “ steht drauf. Das Verkaufsargument.

Und dass das alles irgendwie symbolisch für das ganze kleine Land steht.

Mittlerweile sind wir dabei in der Generation Mauerfall angekommen: Autor*innen, die rund um das Jahr 1989 geboren, die DDR nur noch in ihrem Nachhall, in den Biografieen ihrer Eltern kennen, wie zum Beispiel im Buch „Nachwendekinder“ des Journalisten  Johannes Nichelmann. Wo dieses Land vor allem als Leerstelle vorkommt. Als Phantomschmerz. Als Heimat, über die man schweigt.

Vielleicht liegt es an meinen eigenen Erinnerungen,  die ja nicht weggehen, nur weil ich sie nicht dabei haben will. Über die Jahre war  ich zunehmend genervt von Geschichten aus einem immer ferneren Land, das mit den Jahren immer skurriler, schrulliger, unwirklicher wurde für alle, die nicht dabei waren.

Es ist wie mit den Ostalgie-Shows im Fernsehen, die vor einigen Jahren wie ein Tsunami in die Fernsehkanäle hineinfluteten, moderiert gern von Oliver „Wem-sonst“ Geissen. Darin fuhr dann zum Beispiel der Boxer Henry Maske stolz wie Bolle einen Trabbi. Beim MDR waren sie sicher neidisch darauf. Die drollige demokratische Republik. Mit dem kleinen Stasi-Grusel-Faktor für zwischendurch. Kein stinknormales Land.

Bei Statistiken zeichnet sich jetzt die DDR wie ein Schatten auf der Deutschlandkarte ab. Vermögensverteilung, Großunternehmenszentralen, Arbeitslosenquote. Überall liegt der Osten hinten. Außer bei AfD-Stimmen.

Das hat ja alles Gründe.

Will ich mich wirklich nicht erinnern?

Vor ein paar Tagen bekam ich zufällig einen zehn Jahre alten Bildband in die Hand, „East – zu Protokoll / for the Record“. Wunderbare Fotos. Keine Jubelbilder, keine Mythen in Sepiafarben. Alltagsfotos aus der Umbruchzeit, nicht nur der DDR, nicht nur BRD, alle möglichen und unmöglichen Länder. Gleich danach nahm ich noch ein Harald-Hauswald-Fotobuch aus dem Regal. Und mit mir zog die alte Zeit. Mit einem Mal. Willkommen zurück.

Da kamen die Erinnerungen dann doch wieder hoch. Ich war wieder 18, 19. Ein staunendes, halb erwachsenes Kind. Und all die Flausen im Kopf. Es war ein warmes, schmerzlich–vertrautes Gefühl. Manchmal ist es seltsam, was das Gedächtnis mit einem anstellt.

Verdammt, ich wollte mich doch nicht erinnern. Hiermit verspreche ich, niemals ein Buch über meine DDR-Jugend zu schreiben. Es kann sein, dass ich es doch irgendwann mal tue. Dann aber werde ich mich an diesen Text nicht mehr erinnern wollen.

Dann kann ich sagen: Das habe ich alles nicht gewollt. Es ist einfach so passiert.

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