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Torsten Schulz: Revolution und Filzläuse

Torsten Schulz ist das Gegenteil von einem Popliteraten. Weder die üblichen Twentysomethings mit ihren Wohlstandswehwehchen bevölkern seine Erzählungen, noch geht es um Automarken als generationsprägende Erfahrung. Sein Blick begnügt sich nicht mit schick sanierten Fassaden – beispielsweise im Prenzlauer Berg, wo viele seiner Erzählungen verortet sind. Er sucht nach Lebensspuren und Schicksalen, die sich dahinter verbergen.
In der Geschichte „Eine glatte Eins“ trifft ein ehemaliger Lehrer für Marxismus-Leninismus auf eine Immobilienmaklerin, die ihn mit einem Kaufinteressenten für eine Eigentumswohnung verwechselt. Der ML-Lehrer spielt die Rolle eines Wilmersdorfer BWLers, der in den Prenzlauer Berg ziehen will und es „perfide“ findet, dass ein Bekannter aus dem Osten, ein ehemaliger Lehrer für Marxismus-Leninismus, sich eine solche Wohnung niemals leisten könnte. Im Laufe des Gesprächs wird die Rede des Mannes immer selbstgerechter. Er schimpft über den Kapitalismus und ist davon überzeugt, „auf der richtigen Seite gestanden zu haben“. Die toughe Maklerin bietet ihm Paroli. Selbst in der DDR aufgewachsen, war auch sie den Parteiideologen auf den Leim gegangen. Nach der Wende musste sie jedoch einsehen, dass sie in einem „marxistisch-leninistischen Märchenland“ gelebt hat.

Am Ende wird der notorische Marxist aus der Wohnung geworfen und fühlt sich auch nach dieser Niederlage als moralischer Sieger der Geschichte.
Immer wieder werden Torsten Schulz’ Figuren mit ihrer Herkunft konfrontiert. Unerwartete Erfahrungen sind dabei ebenso vorprogrammiert wie der Verlust von Illusionen. Ein Flirt im Mauerpark findet seine Fortsetzung nicht wie geplant in einer Knutscherei im Kinosessel, sondern am Totenbett der soeben verstorbenen Großmutter der Protagonistin. Ein Journalist, der auf Kuba die „Spuren der Revolution“ sucht, stößt tatsächlich auf eine Bilderbuchkommunistin. Nach einer gemeinsam verbrachten Liebesnacht mit verdecktem Che-Guevara-Porträt findet er statt des Bargelds in seinem Portemonnaie einen Zettel mit der Aufschrift: „Entschuldige bitte. Aber Karl Marx würde das verstehen.“ Die titelgebenden Filzläuse stammen von einer vietnamesischen Prostituierten, von der sich der Student Thomas entjungfern ließ, weil die angebetete Kommilitonin Nicole einem amerikanischen Castro-Anhänger mit 68er-Hintergrund den Vorzug gab. Nun hat Thomas sich in die Vietnamesin verliebt, und die Filzläuse wandern weiter zu Nicole. Ironie der Geschichte!
Davon versteht Torsten Schulz eine ganze Menge. Sein Humor ist nicht bitter, sein Stil angenehm unprätentiös. Er interessiert sich für andere Menschen, nicht für eigene Befindlichkeiten. Wie gesagt: Er ist das Gegenteil von einem Popliteraten. Ralph Gerstenberg

Torsten Schulz: „Revolution und Filzläuse“, Ullstein Verlag, 161 Seiten, 16 EUR

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