• Kultur
  • Toxoplasma im HAU Berlin

Kultur

Toxoplasma im HAU Berlin

ToxoplasmaTobias Rausch ist Experte für Menschen im Ausnahmezustand. Der Regisseur und Gründer der Gruppe Lunatiks Produktion hat zum Beispiel mit Opfern einer Flugzeugentführung gesprochen, die 1978 auf dem Flug von Danzig nach Ostberlin gekidnapppt wurden – daraus machte Rausch vor knapp drei Jahren sein Stück „Westflug“. Für „Performing Crime“ befragte er Verbrecher, für sein Stück „Schicht C“ Menschen, die im Winter 1978/79 acht Tage im größten Kernkraftwerk der DDR eingeschneit und vom Rest der Welt abgeschnitten waren. „Menschen in Ausnahmesituationen nehmen ihr Leben nicht nach den Mustern des Dramas wahr“, sagt Rausch über seine Recherchen. „Sie erleben es als eine Anreihung von Nebensächlichkeiten. Wenn man wirklich etwas von Zeitzeugen-Geschichten wiedergeben will, darf man sich nicht mit dem Plot zufrieden geben, man muss sich auf die Spur dieser Nebensächlichkeiten begeben.“
Tobias Rausch sitzt ziemlich blass im Cafй Barist am Hackeschen Markt. Vor ein paar Tagen hatte sein neuestes Stück „Toxoplasma“ in Leipzig Premiere. Rausch und die gesamte Crew wurden kurz vor der Premiere Opfer eines heftigen Magenvirus. Das passte zu „Toxoplama“: Das Stück, das jetzt ins HAU 3 kommt, handelt ebenfalls von einem Erreger, vom Parasiten Toxoplasma. Der fühlt sich vor allem bei Katzen zu Hause, als Zwischenwirte aber kommen alle Wirbeltiere in Frage – auch Menschen. Physisch hat man bei einem solchen Befall nicht viel mehr zu befürchten als eine Art leichter Grippe, gleichzeitig aber geschehen merkwürdige Dinge. Denn Toxoplasma verändert die Persönlichkeit. Die Menschen werden enthemmt, sie haben keine Angst mehr vor Strafen oder Blamagen. Sie verhalten sich risikofreudig, spontan, geschwätzig und sexuell enthemmt.

1994 brach in einer Region der Tschechei eine Toxoplasmose-Epidemie aus. Eben dorthin ist Rausch mit seinem Team zur Recherche gereist. „Aber es geschah dort etwas Seltsames“, erzählt er. „Zuvor dachten wir, es handelt sich um eine hochdramatische Geschichte. Aber je länger man zuhörte, desto mehr hatte man den Eindruck, die Leute erzählen einem, was man hören möchte, oder etwas, womit sie angeben oder jemand anderen eins auswischen können.“ Immer unklarer wurde, was eigentlich geschehen war und worin genau die Abweichungen und Störungen bestanden haben sollen.

Toxoplasma
Einerseits ist auch das ein Effekt von Toxoplasmose: Man nimmt es mit der Wahrheit nicht so genau. Andererseits aber ist es eine Reaktion auf eine schockhafte Erfahrung, die man mit den un­terschiedlichsten Verdrängungsmethoden zu verarbeiten versucht. Eben das will Rausch in seiner Inszenierung erzählen. Es geht um die unterschiedlichen Perspektiven, etwa bei einer bis heute zerstrittenen Familie, in der die Mutter in Arbeitsstreik trat und im Bett liegen blieb und las. Die eine Tochter fand das super, weil doch auch die Mutter „nicht immer das Arbeitstier“ sein soll. Die andere Tochter stellte sich auf die Seite des Vaters und sprach von „bodenloser Verantwortungslosigkeit“.
„Es geht nicht um die Ereignisse“, sagt Rausch. „Wir spielen keine Geschichte nach, wir spielen eher die Interpretation dieser Geschichte.“ Es ist das, was ihn grundsätzlich interessiert, an jedem Stoff. Aber was wahr ist von den Geschichten, die in „Toxoplasma“ erzählt werden? Das, sagt Rausch, wissen wir selber nicht.

Text: Michaela Schlagenwerth
Fotos: Andreas Schnalzger


Toxoplasma
HAU 3, Tempelhofer Ufer 10, Kreuzberg
25.2.-1.3., 20 Uhr, Karten unter 25 90 04 27

 

weitere Rezensionen:

Johan Simons „Hiob“ im HAU

Mehr über Cookies erfahren