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Transgenialer CSD und CSD in Berlin

Transgenialer_CSDEs war 1993, als ein Streit in der Vorbereitungsgruppe des Berliner Christopher-Street-Day (CSD), dem Planungskomitee der großen Schwulen- und Lesben-Parade, eskalierte: Weil die Demo-Route trotz Mauerfall nach wie vor nur durch den Westteil führen sollte und ihnen auch die Organisationsstrukturen nicht behagten, gründeten einige Lesben und Schwule ein eigenes Bündnis. Statt einer kommerzialisierten Open-Air-Party, die das einseitige Bild der „schrillen Paradiesvögel“ bedient, sollte der CSD wieder eine ausdrücklich politische Demonstration sein. Die Abtrünnigen kamen aus verschiedenen linken Ecken: von den ASTen der Unis, vom Jugendclub AHA, dem Lesben-Archiv Spinnboden, der Lesben- und Schwulengruppe der PDS und aus dem Umfeld von Cafй Anal, dem SchwuZ und dem SO36.

Der Startpunkt des Internationalen CSD war der Märchenbrunnen im Volkspark Friedrichshain, auch als ein Ort bekannt, wo Männer sonst erotische Erlebnisse im Gebüsch suchten. Eine mit Doppelaxt bewehrte Amazone zu Pferd und Ledermänner auf Motorrädern flankierten den Marsch von etwa dreitausend Teilnehmern durch Berlins Mitte. Die Demonstration machte immer wieder an bedeutsamen Orten halt: Im Scheunenviertel wurde an den Widerstand jüdischer Frauen gegen den Abtransport ihrer Männer im Dritten Reich erinnert. Außerdem wurde der Sitz des als reaktionär empfundenen Radiosenders Hundert,6 mit Dutzenden Rollen rosa Toilettenpapier eingewickelt. 1995 startete der neue CSD am Leopoldplatz in Wedding, um gegen Umtriebe von Rechtsextremen zu protestieren. 1996 ging’s ab Rathaus Neukölln los.

1997 wollten alter und neuer CSD es noch einmal miteinander versuchen. Diesmal wurde die alte Ku’damm-Route Richtung Alexanderplatz verlängert. Doch der wiedervereinte CSD endete im wahrsten Sinne in einer Schlammschlacht. Ausgangspunkt war eine mit Schlamm gefüllte Badewanne, in der sich lesbische und schwule Punks aalten, die dem neuen CSD nahestanden. Außerdem der Regisseur Rosa von Praunheim, der in Anspielung an den homosexuellen Nazi Ernst Röhm einen Schauspieler in eine SA-Uniform gesteckt hatte. Als die Punker den Mann in der Nazi-Montur erblickten, bewarfen sie ihn mit Schlamm und beschmutzten dabei auch einige Autos. Was dazu führte, dass die Demoleitung die Punks mithilfe der Polizei von der Parade ausschließen wollte. Schließlich scherten einige Fahrzeuge aus der Demo aus, bahnten sich einen ungeplanten Weg vom Bebelplatz nach Kreuzberg – die Geburtsstunde des Kreuzberger CSD.

„Einmal im Jahr wollten wir in der eigenen Nachbarschaft Raum für uns reklamieren und zeigen, dass man auch hier offen lesbisch und schwul leben kann“, sagt ein Beteiligter des Kreuzberger CSD. Während sich der große CSD zunehmend professionalisierte, konzentrierte sich das CSD-Aktionsbündnis auf den eigenen Kiez. Dazu wurden etwa große Transparente über die Oranienstraße gehängt, auf denen in Türkisch, Arabisch und Deutsch geschrieben stand: „Die orientalische Bevölkerung von Kreuzberg grüßt ihre lesbischen und schwulen Nachbarn.“ In einem anderen Jahr hängte man in den Ladengeschäften auf der Oranienstraße mehrsprachige Plakate gegen Homophobie, Rassismus und Sexismus auf. Irgendwann fiel dann der Begriff „transgenial“ als Verballhornung von „transgender“, zu Deutsch: „zwischen den Geschlechtern“, einem Trendwort bei der Selbstdefinition sexueller Minderheiten.

Den vollständigen Text von Oliver Numrich lesen Sie in der tip-Ausgabe Nr. 14/2011.

Foto: Christian Vagt

Queer ist nicht zähmbar, nicht zählbar (Motto des Transgenialen CSD 2011) Start: Besselstraße/Ecke Friedrichstraße, Kreuzberg, Sa 25.6. ab 14 Uhr, Ziel: Heinrichplatz, www.transgenialercsd.wordpress.com

Fairplay für Vielfalt (Motto des CSD 2011), Start: Kurfürstendamm, Höhe Olivaerplatz, Charlottenburg, Sa 25.6. ab 12.30 Uhr, Ziel: Brandenburger Tor, www.csd-berlin.de

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