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50 Jahre 1968

„Underground und Improvisation – Alternative Musik nach 1968“ in der Akademie der Künste

Strenge und Chaos: In der Akademie der Künste sind zwei Ausstellungen zu sehen, die musikalische Avantgarden und Underground-Bewegungen in Ost und West ab 1968 thematisieren

Der Osten war chaotisch und bunt, der Westen streng und schwarzweiß. Das ist ein überraschender Kontrast zwischen den beiden Ausstellungen, die um die künstlerischen und musikalischen Aufbruchsstimmungen, ausgehend vom revolutionären Jahr 1968, kreisen.

Während „Free Music Production / FMP: The Living Music“ die Geschichte des von dem Musiker und Produzent Jost Gebers und der Saxofon-Legende Peter Brötzmann gegründeten West-Berliner Plattenlabels FMP beleuchtet, wendet „Notes from the Underground – Alternative Art and Music in Eastern Europe 1968–1994“ den Blick nach Osteuropa.
Beide Ausstellungen sind archivarische Unternehmungen. Im FMP gewidmeten Westteil dominieren Schwarzweiß-Fotografien, teilweise überdimensional aufgezogen, von Konzerten und Studioaufnahmen. Man sieht bedeutende Protagonisten des Free Jazz wie Peter Kowald, Cecil Taylor, Steve Lacy oder Han Bennink. Konzertplakate, Schallplatten- und CD-Cover ergänzen das visuelle Erscheinungsbild einer bilderstürmerischen Generation von Musikern, die sich mit radikaler Ästhetik Publikumswünschen, Markterwartungen und Genre-Traditionen entgegenstellte. Wie das klang und aussah, vermitteln die in die Retrospektive integrierten Filmaufnahmen. Durchweg herrscht hier eine minimalistische Strenge und Ernsthaftigkeit, die man als Reaktion auf den schrillen Gestus von Kommerz und Kapitalismus des Westens verstehen könnte.

Ganz anders sah die Situation im Osten aus, wie „Notes from the Underground“ klar macht. Auch dafür wühlten die Kuratoren in Archiven und trugen Artefakte aus den künstlerischen und musikalischen Underground-Szenen aus Budapest, Prag, Warschau oder Ost-Berlin zusammen. Doch diesmal herrscht ein wildes Durcheinander aus Bildern, Collagen, Skulpturen, selbstgebauten Instrumenten und Fotos. Man spürt den Wunsch, dem grauen Realsozialismus zu entfliehen und mehr Verspieltheit und Farbe ins Leben zu holen. Auch westliche Entwicklungen wie Pop-Art, Hippieära und Punk werden reflektiert.

Die tschechischen The Plastic People of the Universe tanzen in Wäldern, Frank Bretschneider malt die „Goldene Zukunft“ und Marek Rogulski hat ein Schlagzeug mit Kuhfell überzogen. Die Akteure arbeiteten oft im Kollektiv, bildeten überschaubare Szenerien und waren von Zensur und Repression bedroht. Weil es weder Kunstmarkt noch offizielle Fördergelder gab, von denen etwa die FMP-Künstler profitierten, nutzten sie vorgefundene Materialien für ihre Werke, darunter Nähmaschinen, Bügeleisen oder Kühlschränke.

In der Gegenüberstellung zeigen sich Paral­lelen und Widersprüche unterschiedlicher, aber letztlich verwandter Geister, die ab 1968 auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs die Mainstream-Kultur unter Beschuss nahmen.

Underground und Improvisation – Alternative Musik nach 1968 Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, Tiergarten, Di–So 11–19 Uhr, bis 6.5., Eintritt: 9/6 Euro

Die Ausstellung wird von einem Rahmenprogramm mit Konzerten, Filmen und Gesprächen begleitet. Termine siehe Tagesprogramm oder www.adk.de

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