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Unterstützung für Flüchtlinge

Ulli B. ist eine zierliche Frau von 50 Jahren und neuerdings müsste man sie in Anführungszeichen schreiben. Denn Ulli B. hatte in den vergangenen Tagen immer mal wieder zwei Schlafgäste in ihrer kleinen Kreuzberger Wohnung. Es sind zwei Sudanesen, die seit der Räumung der Gerhart-Hauptmann-Schule am 24. Juni obdachlos geworden sind. „Nächstenliebe“ würden das die einen nennen. Zumal Ulli B., die seit einem Unfall arbeitsunfähig ist und von Hartz IV lebt, eigentlich nicht viel zum Teilen hat. Doch sie konnte einfach nicht anders als helfen, sagt sie. „Ich will nicht zu denen gehören, die angesichts der Not dieser Menschen weggeguckt haben.“
Ulli B. ist eine am Weltgeschehen interessierte Frau, weiß viel über Hintergründe von Flucht und Vertreibung. Dass sie ernsthafte Beweggründe für ihr soziales Handeln hat, stellen andere jedoch infrage. „Unterstützer“ nennt etwa mitunter der „Tagesspiegel“ neuerdings Leute wie sie. Die Anführungszeichen sollen Helfer wie Ulli B. lächerlich machen und suggerieren, dass diese ihr eigenes Süppchen kochen wollen, weltfremde Träumer sind oder ihren irrationalen Hass auf DIE Gesellschaft loswerden wollen. Und die Flüchtlinge deshalb flugs für sich instrumentalisieren.

Unterstützung für Flüchtlinge

Christian Kopp, 46, kann über so viel Borniertheit nur den Kopf schütteln. Seit sich vor ein paar Monaten die African Refugees Union, ein Verbund von Protestierenden des damals noch besetzten Oranienplatzes, an Kopps Verein Berlin Postkolonial gewandt hatte, hält der Historiker Kontakt zu den Flüchtlingen, engagiert sich für sie. Und hat dabei nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch viele der Unterstützer kennengelernt. Sie halten am Infopoint die Stellung, spenden Lebensmittel oder stärken die Moral mithilfe des Kulturprogramms „Roses for Refugees“. „Ich habe selten so sympathische Leute getroffen wie die Supporter“, sagt er. „Die haben nach den Räumungen tagelang ihre Arbeit oder ihr Studium vernachlässigt, nur um aufzupassen, dass den Flüchtlingen nichts passiert. Und sie waren stets besorgt, dass ihre persönliche und nicht die Perspektive der Flüchtlinge im Vordergrund steht.“

Wer sich nach der Räumung der Gerhart-Hauptmann-Schule unter die vor Ort protestierenden Unterstützer oder die Demonstranten mischte, die am 5. Juli vom Hermannplatz aus gegen die Behandlung der Flüchtlinge seitens der Politik protestierten, kann Kopps Eindruck, dass „von 200 Leuten allenfalls fünf typische Kreuzberger Straßenkämpfer sind“, nur bestätigen. Fragt man die Protestierenden, warum sie sich für die Flüchtlinge einsetzen, antworten die meisten nachdenklich. Das Asylrecht in Deutschland werde durch die Isolierung der Flüchtlinge in abgelegenen Lagern ausgehebelt, findet etwa Radim, 25, Student. Anna, 21, Studentin, fühlt sich als Deutsche privilegiert: „Wir können studieren, wir haben viel mehr, als wir brauchen – oft auf Kosten der Menschen in armen Ländern. Deshalb geht uns alle auch deren Not etwas an.“ Und Benny, 44, Ladeninhaber, sagt: „Es geht um das Leben von Menschen. Dass die Politik da nur mit Polizei zu reagieren weiß und um die Schule einen tagelangen Ausnahmezustand und rechtsfreien Raum errichtet, ist eine völlig inakzeptable Antwort.“ Auffallend bei der Befragung ist: Niemand hält Flüchtlinge per se für bessere Menschen oder brüstet sich gar, ein Patentrezept gegen Not und Ungerechtigkeit in der Welt zu haben. Aber alle sind sich einig: „So, wie man mit den Flüchtlingen von offizieller Seite umgeht, kann man Menschen nicht behandeln.“

Ob beim Oranienplatz, rund um die Gerhart-Hauptmann-Schule oder auf der Demo: Die Unterstützer sind oft jung, mehrsprachig, viele sind bereits weit gereist, sie sind gut vernetzt, nicht wenige haben eine migrantische Herkunft, einige sind in NGOs wie Pro Asyl oder AfricAvenir aktiv, es sind viele Frauen dabei. Es ist eine Generation, der man in der Schule erzählt hat, dass man auf die Umwelt Rücksicht nehmen müsse, bürgerschaftliches Engagement gut sei und ein Freiwilligenjahr im Ausland die Persönlichkeit entwickeln hilft. Sie haben Projektwochen hinter sich, in denen es darum ging, dass die Herkunft von Menschen keine Rolle spiele, Mobbing falsch sei und Minderheiten integriert werden sollten. Umso schockierter reagieren sie, wenn sie feststellen, dass viele der gesellschaftlich hochgehaltenen Ideale die Flüchtlinge nicht betreffen sollen und dass selbst Grundrechte wie Bewegungs- oder Berufsfreiheit für sie wegen der Residenzpflicht oder des Arbeitsverbots nicht gelten.
Was Tünya Özdemir, 36, Inhaberin einer Kreuzberger Mediendesign-Agentur, aber am meisten stört, ist, wie die Wahrheit seitens der Verantwortlichen verdreht wird. „Die Räumung der Schule wurde ja auch mit den unhaltbaren hygienischen Zuständen begründet“, sagt sie. „Dabei wollten die Protestierer eine weitere Dusche einbauen. Doch das wurde nicht genehmigt.“ Außerdem ist ihr völlig unverständlich, wie die mit Selbstmord drohenden Flüchtlinge auf dem Dach der Schule, „die nichts mehr haben außer ihr Leben“ von maßgeblichen Leuten zu Erpressern und Aggressoren, die Politiker aber zu Opfern stilisiert wurden. Auch dass man die Verantwortung der Kosten für den Einsatz von über tausend Polizisten – mehr als fünf Millionen Euro – jetzt den Flüchtlingen zuschiebt, hält sie für verlogen. „Die Flüchtlinge haben nicht um den Polizeieinsatz gebeten, das Geld für die Polizei wäre viel sinnvoller in die Flüchtlingshilfe investiert gewesen.“ Es sind die vielen Widersprüche und falschen Versprechungen, die Özdemir nebst Freunden und Nachbarn dazu animiert haben, auf change.org die Petition „Frank Henkel: Unterstützt die Forderungen der Refugees vom Dach der Gerhart-Hauptmann Schule“ zu lancieren.

Unterstützung für Flüchtlinge

Auf der gleichen Webseite wurde kürzlich auch eine Petition von Shermin Langhoff, der Intendantin des Maxim Gorki Theaters, veröffentlicht. Sie fordert, die „Einschränkung des Artikels 16 durch den sogenannten ,Asylkompromiss‘ von 1993 wieder rückgängig (zu) machen“. Gleichzeitig gab Langhoff einen offenen Brief an die Mitglieder des Deutschen Bundestages, des Abgeordnetenhauses von Berlin, die deutschen Mitglieder des europäischen Parlaments heraus, der auf der Homepage des Maxim Gorki Theaters einsehbar ist. Darin wird unter anderem die „verzweifelte Lage“ der Kreuzberger Flüchtlinge beklagt, die „zu Stellvertretern für Tausende andere geworden (sind), deren ,Fälle‘ nicht öffentlich werden, weil ihre Abschiebung ,planmäßig‘, ,reibungslos‘ und ,gewaltfrei‘ abläuft.“ Unterschrieben ist das Dokument von knapp 90 „Erstunterzeichner_innen“, darunter Intendanten wie Matthias Lilienthal oder Claus Peymann, Autoren wie Sibylle Berg und Imran Ayata oder Schauspieler wie Lars Eidinger und Pegah Ferydoni.
Die Flüchtlinge selbst konnten von ihren Protesten – trotz anderslautender Behauptungen – zwar kaum profitieren. Weder wurde die Residenzpflicht aufgehoben, noch wurden gar stabile Aufenthaltsregelungen erreicht. Seit sie ihre Zelte in Berlin aufgeschlagen haben, ist für viele Politiker, die in Sachen Asyl auf die Beibehaltung des Status quo bestehen, trotzdem der Worst Case eingetreten: Von immer mehr Bürgern werden die Flüchtlinge nicht als Problem, sondern als Menschen wahrgenommen. Als Menschen in Not.

Text + Fotos: Eva Apraku

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