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Vartan Bassil über „Flying Illusion“

Dirk Mathesius/Red Bull Content PoolVartan, wie ist die Idee zu eurer Show „Flying Illusion“ entstanden?
In meinen jungen Jahren habe ich bei seiner Deutschland-Tour eine Show des Illusionisten David Copperfield gesehen habe und war davon sehr fasziniert. Und da ich Breakdance ja schon seit meiner Kindheit mache, habe ich immer wieder gemerkt, dass auch das, was wir machen, für viele Leute unglaublich ist: Wie schaffen die das? Sich so lange auf dem Kopf zu drehen? Sich mit den Armen so hoch zu stemmen? Und dann kam die Idee: Wenn man Breakdance mit Illusions-Künste kombiniert, die Tänzer schweben oder verschwinden lässt und den Betrachter vor die Frage stellt, was nun echt und was Illusion ist, dann wäre das eine tolle gegenseitige Ergänzung. Diese Idee habe ich dann vorgeschlagen und es hat sofort gezündet.

Wo vorgeschlagen?
Nachdem wir mit Red Bull Flying Bach, also mit unserer Klassik-Show, so einen tollen Erfolg hatten, haben Leute angefangen, uns besser zuzuhören. Die fragten: Was willst Du als nächstes machen? Und da habe ich denen gesagt, dass ich gerne eine Show mit Breakdance und Illusionen bauen möchte. Das ist etwas, was es so noch nie gab. Die Idee war, dass man nicht mit dem klassischen Zauberer auf der Bühne jeden einzelnen Trick zelebriert, sondern der Trick passiert einfach. Man weiß nie, wann ist es Trick, wann ist es echt. Das war meine Grundidee, die auch bei den Leuten von Red Bull Anklang gefunden hat. Die sagten, okay, machen wir, haben wir voll Bock drauf. So ist die Idee also 2011 entstanden.

2011?
Ja, da wurde die Idee erstmals vorgetragen. Und 2011 habe ich dann angefangen, jemanden zu suchen, der mir bei der Umsetzung der Idee helfen kann. Das wurde dann Florian Zimmer, ein weltweit anerkannter Magier und Illusionist und 2005 Europameister der Magie. Ich brauchte jemand, der sich in diesen Illusions-Dingen auskennt. Den habe ich also gefragt und der fand‘ die Idee zu der Show grandios, denn das hat es noch nie gegeben – dass Tänzer Illusionen vorführen. Und dann haben wir nach und nach die Show entwickelt.

Sie sind ja Tänzer und Choreograph. Haben Sie für die Show auch einen Dramaturgen?
Die Idee und die Geschichte sind komplett von mir entwickelt worden, aber natürlich habe ich mir für die Umsetzung noch einen Dramaturgen rangeholt, das ist Richard Wilhelmer. Die Pfadfinderei machen die ganzen Visual. Das Bühnenbild macht Jeremias Böttcher, Musik machen Ketan und Vivan Bhatti, das heißt, die Musik wurde komplett speziell für die Show geschrieben. Also alles in allem sind wir ein Team von 66 Leuten, die an diesem Projekt arbeiten, wobei, gefühlt sind das mehr als 100, wenn man auch an die Medienleute denkt. Es ist eine Riesenproduktion, die wir hier gerade stemmen.

Alles von Red Bull finanziert?
Genau. Wir haben mit Red Bull eine Partnerschaft, die uns die Verwirklichung unserer Träume ermöglicht. Das war schon bei Red Bull Flying Bach so. Wir hatten die Idee, Klassik mit Breakdance zu verbinden, aber keiner wollte da mit uns dran arbeiten. Wir waren mit dieser Idee in allen Kulturhäusern und Theatern, aber jeder hat gesagt: Ach nee, was soll das denn? Nur Red Bull hat gesagt: Okay, wenn es das ist, was ihr wollt, dann helfen wir euch dabei. Tatsächlich wurde das Ding ein Welterfolg, ist bis heute noch international auf Tour. Inzwischen haben wir damit über 250 Shows gemacht, hatten dabei über 300.000 Zuschauer und dafür auch den Sonderpreis der Jury beim Echo-Klassik-Preis bekommen. Und mit Flying Illusions haben wir nun die Chance bekommen, daran anzuknüpfen. Für uns war es ja schon immer ein Traum: Ein abendfüllendes Programm mit Btreakdance zu machen. Wir träumen auch davon, es ähnlich zu machen, wie zum Beispiel der Cirque du Soleil: Mit mehreren Produktionen unterwegs zu sein. Nur eben im Bereich Breakdance.

Hat es sowas im Zusammenhang mit Breakdance schon mal irgendwo gegeben?
Das gab es bislang immer nur in so kleinen Nischen. Und wir sind, glaube ich, einer der ersten, die jetzt versuchen, mit Breakdance im Entertainment-Bereich in einer größeren Ordnung Fuß zu fassen.

Was hat Ihre Breakdance-Gruppe, die „Flying Steps“, mit der Show „Flying Illusions“ zu tun?
Die Flying Steps sind die Produzenten der Show, gleichzeitig auch die Veranstalter und die Entwickler der Show. Wir machen alles aus einer Hand. Wir haben 20 Jahren lang nichts anderes gemacht, außer Breakdance auf die Bühne zu bringen. Nur als große Show wollte es bis dahin keiner haben, doch jetzt ist der richtige Zeitpunkt gekommen. Breakdance wird gerade immer populärer, weltweit. Wir sind mit unserem Tanz-Stil gerade mitten im Zeitgeschehen.

Dirk Mathesius/Red Bull Content PoolWas macht Sie so sicher, dass sie mit „Flying Illusions“ Erfolg haben werden?
In der Unterhaltungsbranche hat man das künstlerische Potenzial von Breakdance nie richtig wahr genommen. Man dachte immer, Breakdancer seien einfach irgendwelche Sportler, die eben ihre moves machen. Die Leute haben nicht verstanden, dass das, was wir machen, tanzen ist: Wir tanzen zur Musik, wir können mit unserer Körpersprache erzählen. Wir können die moves der Musik exakt anpassen. Das ist für die Leute das Erlebnis: Die gucken nicht einem Akrobaten zu, sondern man guckt jemandem zu, der mit der Musik synchron ist und der mit seinem Körper auch erzählen kann. Die Leute können einem roten Faden folgen. Wir von den Flying Steps wussten immer, das das geht. Deswegen sind wir auch immer so erfolgreich gewesen.

Wer sich die üblicherweise multiethnischen Breakdance-Gruppen – und deren entsprechendes Publikum – anschaut, weiß um den starken integrativen Charakter dieser Tanz-Disziplin. In eurer Show geht es noch einen Schritt weiter. „Flying Illusions“ ist gelebte Inklusion. Mit dem Franko-Kongolesen Junior tanzt bei euch jemand mit, der mal Kinderlähmung hatte. Steckt ein Plan hinter dieser Besetzung?
Nein. Tatsächlich spielt es bei uns keine Rolle, wo Du herkommst oder welchen Stempel Du sonst noch so trägst. Uns interessiert nur: Was sind Deine skills, was kannst Du? Jeder von unseren Tänzern ist in der Szene superbekannt und ist deswegen erfolgreich, weil er seinen eigenen Stil hat, authentisch ist. Beim Breakdance musst Du ein guter Tänzer sein, um akzeptiert zu werden. Ob Du nun klein, groß, dick, dünn, blau oder grün bist, ist total egal. Das interessiert niemanden. Und Junior hat durch Tanzen das Beste aus seiner Behinderung gemacht. Ich glaube, von allen unseren Tänzern hat er auch die meisten Youtube-Klicks, er ist einer der bekanntesten Breakdancer der Welt, der schon bei den größten Meisterschaften der Welt dabei war. Ein unglaublicher Charakter.

Im Jahr 2000, kurz vor dem Battle of the Year, der Weltmeisterschaft im Breakdance auf der EXPO in Hannover, haben Sie mit den Flying Steps noch im Wedding in einem Jugendhaus trainiert. Nun bereitet ihr eure Show in einer hochprofessionellen Halle in Pankow vor. Hätten Sie sich das früher einmal träumen lassen?
Das war immer unser Traum. Klar, erst mal wollten wir in der Szene Anerkennung gewinnen und so viele Meisterschaften gewinnen, wie es geht. Es ging immer darum, zu zeigen, wer der Beste der Besten ist. Und irgendwann kam dann die Idee, mehr daraus zu machen. Das lag auch am Druck von den Eltern, die sagten: Junge, Du kannst nicht ewig tanzen, Du musst was aus Dir machen. Mach‘ eine Ausbildung oder mach‘ die Schule weiter. Und so habe ich überlegt, wie man aus Tanzen einen Beruf machen kann, wie man seiner Leidenschaft weiter nachgehen kann, auch wenn man älter wird und finanzielle Verantwortung übernimmt. So kam dann die Idee, eine eigene Tanzschule zu eröffnen, die Flying Steps Academy, wo wir unsere Erfahrungen an Tanzbegeisterte weitergeben. Und der nächste step, Shows zu bauen, war dann auch nicht mehr weit weg. Das macht einfach tierisch Spaß. Wir hatten aber auch keine Lust mehr, nur diese intensive-bookings zu machen, wo uns ein Kunde für fünf bis zehn Minuten zum Beispiel im Rahmen einer Gala bucht.

Wie ist die Nachfrage in eurer Flying Step Academy?
Riesig. Wir hatten letztens unseren tausendsten Schüler registriert. Die Nachfrage ist groß. Tanzen macht einfach jedem Spaß. Und auch die Popularität von Breakdance und Hip-Hop ist in Deutschland wieder enorm gestiegen.

Tanzen Sie selber noch Breakdance? Oder schonen Sie inzwischen lieber Ihre nicht mehr ganz so jungen Knochen?
Letztes Jahr habe ich noch selber getanzt, aber dadurch, dass dieses „Flying Illusions“-Projekt so enorm groß ist, viel Zeit verschlingt, tanze ich bei den großen Produktionen jetzt nicht mehr mit. Aber sonst tanze ich natürlich noch.

Wie alt sind Sie jetzt?
38. Aber keine Sorge, das Tanzen klappt noch. Und macht noch Spaß. Enormen Spaß.

Interview: Eva Apraku

Foto: Dirk Mathesius/Red Bull Content Pool

Flying Illusions Tempodrom, Möckernstraße 10, Premiere: 21. bis bis 24. März, je 20.15 Uhr, Tickets und weitere Infos unter: http://flyingillusion.redbull.de

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